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Bräuche

Die Groppenfasnacht von Ermatingen

Ein Brauch hat einen Ort: Ermatingen, Kanton Thurgau (Q65127 in Wikidata).

Die Gangfischsegi vor Ermatingen, 1894 — das Jahr, aus dem der erste belegte Groppenumzug stammt
Die Gangfischsegi vor Ermatingen, 1894 — das Jahr, aus dem der erste belegte Groppenumzug stammtUnknown author · Public domain · Wikimedia Commons

Ermatingen am Untersee feiert drei Wochen vor Ostern, am Sonntag Laetare, die letzte Fasnacht der Schweiz — mitten in der Fastenzeit, wenn überall sonst längst Aschermittwoch war. Der Brauch heisst nach einem Fisch, der zehn Zentimeter lang wird und am Grund des Sees unter Steinen lebt.

Was getan wird

Jedes dritte Jahr zieht ein grosser Umzug durch das Dorf, dazwischen ein kleinerer mit den Kindern. Vorneweg fährt eine überdimensionale Groppe aus Draht, Leinwand und Seegras, von Zwergen gezogen; die heutige ist seit rund sechzig Jahren im Einsatz. Ihr folgen Ermatinger, als Fischer verkleidet, mit Lederschurz und Stiefeln, die an Stangen den „Fang des Tages” tragen, dann Wagen mit den Ereignissen des Dorfjahres, satirisch verarbeitet, Guggenmusiken, und zum Schluss die Frühlingsbilder: Libellen, Schmetterlinge, Fantasiegestalten.

Die Beschreibung des Bundesamts für Kultur zählt rund 1 200 Teilnehmende und 15 000 Zuschauende. Unterwegs gibt es Fischknusperli und Müller-Thurgau — der Wein, dessen Züchter ein Dorf weiter, in Tägerwilen, geboren wurde. Um den Umzug herum liegen Dorffasnachtsabend, Beizenfasnacht und der Lumpenball am Montag. Getragen wird das alles vom Groppenkomitee, rund fünfzig bis sechzig „Groppen”, geordnet nach Ressorts: Baugroppen, Wirtschaftsgroppen, Unterhaltungsgroppen, Dichtergroppen. Der nächste grosse Umzug ist für März 2027 angekündigt.

Was erzählt wird

Über den Ursprung gibt es drei Legenden, und alle drei hängen am Konzil von Konstanz, das von 1414 bis 1418 zehn Kilometer seeabwärts tagte.

Die erste sagt, Papst Martin V. habe auf dem Weg nach Schaffhausen im März 1418 in Ermatingen eine Messe gelesen, Groppen serviert bekommen und dem Dorf zum Dank ein Fischerfest am Laetare-Sonntag erlaubt.

Die zweite sagt, Bischof Hugo von Landenberg sei auf der Fahrt von der Reichenau nach Öhningen in einen Sturm geraten, habe sich in die Bucht von Ermatingen gerettet, sei mit Groppen bewirtet worden und habe dem Dorf dafür auf alle Zeit einen Freudentag mitten in der Fastenzeit gewährt.

Die dritte — die verbreitetste, nach der das Dorf sein Gründungsjahr zählt — sagt, der Gegenpapst Johannes XXIII. sei am 20. März 1415 als Stallknecht verkleidet aus Konstanz geflohen, habe beim Pfarrer von Ermatingen übernachtet und gebratene Groppen und Seewein vorgesetzt bekommen. 1965 feierte das Dorf deshalb „550 Jahre Groppenfasnacht”.

Und hinter den drei Legenden steht eine vierte Erzählung, die keine Legende sein will: Die Groppenfasnacht sei aus einem „altgermanischen Frühlingsfest” der Fischer entstanden, bei dem eine Strohpuppe durchs Dorf getragen und im See ertränkt oder verbrannt wurde; die Papstgeschichte habe den Ermatingern erlaubt, „am ursprünglich heidnischen Frühlingskult auch in christlicher Zeit festzuhalten”. So steht es in der amtlichen Beschreibung und auf der Seite des Komitees.

Was belegt ist

Das Konzil ist belegt, und die Flucht des Johannes XXIII. aus Konstanz im März 1415 ist ein historisches Ereignis. Dass er in Ermatingen Groppen ass, ist es nicht — es steht in keiner Quelle aus der Zeit, sondern in einer Ortschronik von 2004, die die amtliche Beschreibung zitiert.

Die zweite Legende scheitert an den Daten: Hugo von Hohenlandenberg wurde 1457 geboren und war von 1496 bis 1529 Bischof von Konstanz. Als das Konzil tagte, gab es ihn noch nicht. Wer ihm die Groppen serviert hat, hat es achtzig Jahre später getan — oder gar nicht.

Der erste belegte Umzug stammt aus dem Jahr 1894, weitere aus 1898 und 1900; 1904 wurde das Komitee gegründet. Das Komitee löste sich 1934 auf, wurde 1938 und 1946 neu gegründet und führt seit 1947 alle drei Jahre den grossen Umzug durch; 2021 fiel er wegen der Pandemie aus. Die Fischerei, um die sich alles dreht, ist Geschichte: Die grosse Gangfischsegi fuhr 1967 zum letzten Mal aus, weil die achtzehn Männer dafür nicht mehr zusammenkamen, und mit dem Tod des letzten Berufsfischers 1997 endete sie ganz. Die Fischer im Umzug sind seither verkleidete Ermatinger.

Für das „altgermanische Frühlingsfest” gibt es keinen Beleg. Die amtliche Beschreibung schreibt selbst „es darf angenommen werden”; das Komitee „mit grosser Wahrscheinlichkeit”. Eine Strohpuppe, die im Frühling vertrieben wird, gibt es in vielen Dörfern — belegt sind solche Bräuche meist ab dem Spätmittelalter, und ein Weg von dort in eine Zeit vor dem Christentum ist noch nirgends nachgewiesen worden. Das heisst nicht, dass es ihn nicht gab. Es heisst, dass niemand ihn kennt.

Was offen bleibt

Wann der erste Umzug stattfand, sagt keine Quelle — nur, dass 1894 einer belegt ist. Ob das Fischerfest im Staad älter ist als die Bauernfasnacht im Oberdorf, und wann die beiden zusammengelegt wurden, ist ebenfalls offen. Und warum ausgerechnet Laetare: Der vierte Fastensonntag war in der ganzen Kirche der „Freudensonntag”, an dem das Fasten gelockert wurde — die Legenden brauchen den Papst dafür nicht.

Ein Brauch hat einen Ort. Ermatingen steht bei ortspur im Register der Gemeinden am See, noch ohne eigene Ortsseite; wenn sie einmal geschrieben ist, gehört die Groppenfasnacht hinein.

Quellen

Was nicht belegt ist, steht oben unter „Was erzählt wird" — und nirgends sonst.