Am Montag nach Aschermittwoch, um vier Uhr morgens, erlöschen in der Basler Innenstadt alle Lichter. Wenn die Glocke der Martinskirche schlägt, ruft ein Tambourmajor „Morgestraich: Vorwärts, marsch!“, und aus allen Gassen zugleich setzen Trommeln und Piccolos ein. Zweiundsiebzig Stunden später, am Donnerstagmorgen um vier, ist es vorbei.
Was getan wird
Die Basler Fasnacht ist eine Sujet-Fasnacht: Jede der rund fünfhundert Formationen wählt ein Thema — einen Missstand, eine Debatte, eine Peinlichkeit des vergangenen Jahres — und stellt es dar, auf der grossen Zuglaterne, die dem Zug vorausgetragen wird, in Kostüm und Larve, und auf den Zeedel, den langen Papierstreifen mit Versen im Basler Dialekt, die der Vortrab verteilt. Am Montag- und Mittwochnachmittag ziehen die Cliquen im Cortège durch die Stadt, rund elftausend Kostümierte; dazu kommen geschätzt zwanzigtausend „wilde” Fasnächtler in kleinen Gruppen, den Schyssdräggziigli, und etwa hundert Schnitzelbank-Formationen, die abends in Restaurants und Kellern ihre Spottverse singen, jede Strophe mit einem gemalten Helgen bebildert. Der Dienstag gehört den Kindern und den Guggenmusiken.
Das Publikum ist nicht verkleidet. Es steht in Alltagskleidung am Strassenrand, kauft die Blaggedde — das Abzeichen, dessen Erlös das Fasnachts-Comité seit 1910 an die Formationen verteilt — und wird mit Räppli beworfen, wenn es zu aufdringlich um Gaben bettelt oder keine Plakette trägt. Staatliche Subventionen gibt es nicht, Sponsoring wird abgelehnt, „denn die könnten die Narrenfreiheit einschränken”. Rund zweihunderttausend Menschen kommen jedes Jahr. Seit 2017 steht die Fasnacht in der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO.
Was erzählt wird
In Basel erzählt man weniger Legenden als am Bodensee; was man erzählt, ist das Alter. „Gerne wird dabei auf die jahrhundertealte Tradition der Fasnacht in Basel verwiesen”, schreibt die amtliche Beschreibung, und die Zahl, die dabei fällt, ist 1376: das Ritterturnier, das als ältester Fasnachtsanlass der Stadt gilt. Dass Basel seine Fasnacht eine Woche nach allen anderen feiert — am Montag nach Aschermittwoch —, wird gern als Festhalten an der „alten Fasnacht” erklärt, an einer Zeitrechnung, die vor der Reformation galt; und dass die Stadt protestantisch ist und trotzdem Fasnacht feiert, gilt als Beweis, dass der Brauch älter ist als die Konfessionen.
Die Erzählung ist nicht falsch. Sie lässt nur fünfhundert Jahre aus.
Was belegt ist
Das Wort ist belegt: 1237 nennt das Urkundenbuch der Stadt Basel das carnisprivium, die Fleischentziehung, aus der das Wort Fastnacht kommt. Quellen des 14. Jahrhunderts kennen fasnächtliches Treiben, und 1376 ist ein Ritterturnier dokumentiert. Trommeln und Masken haben mittelalterliche Züge.
Aber: „Einem Vermummungsverbot aus dem 16. Jahrhundert nach zu schliessen, trug man in Basel jedoch über drei Jahrhunderte lang keine Larven. Diese sind erst ab Ende des 19. Jahrhunderts wieder belegt.” Die Reformation setzte der Fasnacht „zeitweilig ein schnelles Ende”, und die amtliche Beschreibung sagt den Satz, der für fast jeden Brauch dieser Fläche gilt: „Auch in katholischen Gebieten gibt es in der Regel keine ungebrochene Brauchkontinuität vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Die meisten Elemente der heutigen Fasnacht begannen sich seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert herauszubilden” — als Wiederbelebung.
Was heute stattfindet, ist im 19. Jahrhundert entstanden: Ende des 18. Jahrhunderts eine geschlossene Veranstaltung der Oberschicht und der Zünfte; ab 1858 der Verein Quodlibet, gegründet von Baslern und Zugewanderten aus Baden, Württemberg und dem Aargau, der 1866 einen eigenen Umzug organisierte; die ältesten Cliquen Ende des 19. Jahrhunderts; 1910 das Comité; zwischen 1900 und 1920 das musikalische Repertoire, das bis heute gilt; und Ende der 1920er Jahre löste das Baseldeutsch das Hochdeutsch als Fasnachtssprache ab. Die typischen Begriffe — Morgestraich, Cortège, Schnitzelbangg — sind hundert Jahre alt, nicht sechshundert. Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Fasnacht ein Fest, „mit welchem sich alle Bevölkerungsgruppen Basels identifizieren konnten”.
Und heute kommt nur knapp die Hälfte der Aktiven aus der Stadt; die andere Hälfte wohnt in Basel-Landschaft.
Was offen bleibt
Ob das Turnier von 1376 eine Fasnacht war oder ein Turnier, das zufällig in die Fastnachtszeit fiel, sagt die Beschreibung nicht. Woher das Datum eine Woche nach Aschermittwoch wirklich kommt, wird verschieden erklärt und ist hier nicht belegt. Und die Frage, die am Bodensee die Legenden beantworten — warum man mitten in der Fastenzeit feiert —, stellt Basel gar nicht. Die Stadt feiert, weil sie es seit 1910 organisiert, und das ist die ehrlichste Antwort, die ein Brauch auf dieser Fläche bisher gegeben hat.