Am dritten Montag im April, Punkt sechs Uhr abends, wird auf dem Platz beim Bellevue ein Schneemann angezündet. Er ist aus Stoff und Holz, mit Knallkörpern gefüllt, und sitzt auf einem Scheiterhaufen; Reiter umkreisen das Feuer zum Sechseläutenmarsch, bis der Kopf explodiert. Man misst die Zeit. „Je kürzer die Zeit, bis der Böögg den Kopf verliert, desto wärmer soll der Sommer werden” (Kurztext).
Was getan wird
Das Sechseläuten gehört den Zünften. Es beginnt am Freitag mit der Eröffnung auf dem Lindenhof, wo sich seit 1991 jedes Jahr ein Gastkanton vorstellt; am Sonntag ziehen rund 3’000 Kinder in historischen Kostümen durch die Stadt; am Montag um sieben Uhr morgens fallen 21 Böllerschüsse, um elf wirft die Zunft zur Weggen Brötchen aus dem Fenster, und ab drei Uhr nachmittags zieht der Zug der Zünfte zum Feuer, „rund zweieinhalb Stunden”, 7’000 Teilnehmende, Musikkorps, Pferde und Wagen (PDF S. 3). Nach dem Feuer essen die Zünfter in ihren Stuben und besuchen einander. Die 25 Zünfte und die Gesellschaft zur Constaffel zählen zusammen rund 3’500 Mitglieder, „alle Mitglieder sind männliche Schweizer Bürger” (S. 2). Die Gesellschaft zu Fraumünster, 1989 von Zürcherinnen gegründet, läuft seit 2015 als Gast der Constaffel mit; ein ständiges Gastrecht hat das Zentralkomitee 2011 abgelehnt (S. 2).
Was erzählt wird
Der Böögg ist der Winter, und sein Tod ist der Frühling. Das ist die Erzählung, die jede Zuschauerin kennt, und sie hat zwei Ausläufer: dass die Brenndauer den Sommer voraussagt, und dass das Verbrennen einer Winterpuppe ein uralter Brauch sei, älter als die Zünfte, älter als die Stadt. Die Wetterregel gilt gemäss Zentralkomitee „seit vielen Jahren” als Gradmesser — und die amtliche Beschreibung setzt dazu: „Seit wann die Explosionszeit so gedeutet wird, ist nicht genauer bekannt” (S. 4). Die Brenndauer misst inzwischen das Schweizer Fernsehen.
Was belegt ist
Das Wort ist älter als der Brauch, und es meint etwas anderes. „Die erste vorhandene schriftliche Erwähnung des ‚Sechseläutens’ stammt von 1525. Hier ist das Läuten der Glocke um sechs Uhr gemeint, welches auf das Ende des Arbeitstages hinwies” — im Winter endete die Arbeit mit der Dämmerung, im Sommer um sechs, und das erste Läuten im Frühling zeigte die Umstellung an (S. 2). Die Zünfte feierten damals noch nichts. Ihr Fastenmahl aus dem Spätmittelalter, das „Küchlimahl”, heisst erst „ab dem frühen 18. Jahrhundert als ‚Sechseläutenmahl’“; die Zünfte verlegten „ihre Fasnachtsbräuche im reformierten Zürich allgemein nach und nach auf das Sechseläuten” (S. 2–3). Der erste Festumzug fand 1837 statt, mit fasnächtlichem Charakter.
Der Böögg kommt von woanders. „Das Verbrennen von Strohpuppen und der Tanz ums Feuer war ursprünglich ein Fest der männlichen Jugend, das in verschiedenen Quartieren von Zürich stattfand.” Im Kratzquartier beim Bürkliplatz verbrannte eine Nachbarschaftsgesellschaft ihren Strohmann, den sie „jahrelang als Symbol für andere Dinge verkleidet” hatte — einmal „als Mann mit Schuldensack für das Defizit der Stadt Zürich”. Als das Quartier abgebrochen wurde, „kauften die Zünfte ihr 1892 das Recht ab, das Sechseläuten mit dem Böggverbrennen zu organisieren”. Und dann der Satz, der die ganze Erzählung vom uralten Winterbrauch datiert: „Der Böögg symbolisiert seit 1893 ausschliesslich den Winter” (S. 3). Die heutige Form „etablierte sich also um 1900”; seit 1903 brennt er beim Bellevue, der Platz heisst seit 1948 Sechseläutenplatz; der Kinderumzug läuft seit 1921 am Sonntag; der Marsch stammt aus Russland und kam um 1870 über die Konstanzer Regimentsmusik nach Zürich (S. 3).
Ein Brauch aus vier Teilen, jeder mit eigenem Datum — und der, den alle für den ältesten halten, ist der jüngste. Die andere Stadt, die ihre Fasnacht nach der Reformation verschob, steht unter Basler Fasnacht.