sagenwelt

Bräuche

Das Silvesterchlausen

Ein Brauch hat einen Ort: Urnäsch (Q67168 in Wikidata).

Zweimal im Jahr ist in Urnäsch Silvester: am 31. Dezember und am 13. Januar, dem „Alten Silvester” nach dem julianischen Kalender. An beiden Tagen ziehen Gruppen von Kläusen, die „Schuppel”, von Hof zu Hof, stellen sich im Kreis auf, bewegen ihre Schellen „in rhythmisch dosierten Bewegungen” und singen ein Zäuerli, einen Jodel ohne Worte. Dann wünschen sie der Familie ein gutes neues Jahr, „erhalten ein Geldgeschenk und ziehen weiter” (Kurztext).

Was getan wird

Um fünf Uhr früh am 31. Dezember wird in Urnäsch das Licht um den Dorfplatz gelöscht; die Kläuse strömen ohne Masken auf den Platz, „dann hebt ein gewaltiges Schellen und Rollen an”, drei Zäuerli, und in der Dämmerung beginnt der Tageslauf (PDF S. 2). Ein Schuppel hat sechs bis zwölf Mitglieder: vorne der „Vorrolli”, dann die „Schelli” mit einer oder zwei Senntumsschellen, am Schluss der „Noerolli”. Die Rolli sind die „Rollewiiber” mit bis zu dreizehn geschlitzten Rollen um den Oberkörper — „obwohl die Rollenweiber eindeutig weibliche Kleidung tragen, versteckt sich unter der Maske ein Bursche” (S. 2). Es gibt drei Sorten: die „Schönen” in Samttrachten mit Hauben, in deren Nischen geschnitzte Szenen aus dem Bauernleben stehen; die „Wüeschten” in Reisig, Laub und Stroh mit Dämonenlarven aus Papiermaché; und die „Schö-Wüeschten” aus Naturmaterial, aber sorgfältig gestaltet (S. 3).

Was erzählt wird

Die Larven sind furchterregend, der Lärm ist gewaltig, der Termin ist die Jahreswende: Daraus ist die Erzählung entstanden, das Klausen sei ein „Fruchtbarkeitszauber und eine Dämonenaustreibung aus heidnischer Zeit” (S. 4). Der Autor der amtlichen Beschreibung hält dagegen, wer das vermute, übersehe, „dass die Kläuse ihren Namen vom heiligen Nikolaus haben und damit in den grossen Rahmen des in Europa weit verbreiteten Nikolausbrauchtums gehören” (S. 4). Auch das Bild vom urtümlichen Bauernbrauch ist jung: „Erst nach dem Zweiten Weltkrieg und in verstärktem Masse in den letzten Jahren wurde das Klausen am Alten Silvester als urtümliches Brauchtumsereignis so berühmt”, dass Extrazüge nach Urnäsch fahren (S. 4).

Was belegt ist

Die ältesten Spuren sind Verbote. Die Synode der reformierten Landeskirche beschloss am 29. April 1663, das „St. Niclaussen an dem H. Wiehnachtfest … mit Herumblauffen, Polderen und Schellen beÿ der Nacht” zu verbieten — die Kläuse liefen also im 17. Jahrhundert um Weihnachten, nicht an Silvester, und schon mit Schellen (S. 3). Ein Mandat von 1744 hält erstmals das Verkleiden fest und nennt daneben den Termin des Neujahrs; in der Schilderung des Dorfbrandes von Herisau 1812 heisst es, die Silvesterkläuse seien umgegangen „wie üblich”. „Irgendwann zwischen 1744 und 1812 müssen sich die Kläuse also für den Termin am Ende des Jahres entschieden haben” — und damit aus der kirchlich heiklen Zeit um Weihnachten verschwunden (S. 4).

Die zwei Silvester sind ein Kalenderstreit: Das reformierte Ausserrhoden nahm den gregorianischen Kalender erst 1798 an, und „irgendwann, vermutlich im 19. Jahrhundert, wurde dann nach beiden Kalendern Silvester gefeiert” (S. 2). Fällt ein Silvester auf einen Sonntag, wird auf den Samstag vorverschoben — „eine letzte Spur der früheren Konflikte mit der Kirche” (S. 2). Und die drei Sorten sind noch jünger, als man denkt: Die Papiermaché-Masken der Wüeschten „wurden in den 1950er Jahren vom Lehrer Hans Schläpfer mit Unterstützung von Volkskundlern geschaffen als Alternative zu den damals oft liederlich aufgemachten ‚Spasskläusen’“; die Schö-Wüeschten traten um 1965 zum ersten Mal auf (S. 3). Die Spasskläuse in Lumpen, über die man sich 1978 in Leserbriefen empörte, „sind wahrscheinlich die ursprünglichste Form der Kläuse” (S. 3). Das Geldgeschenk am Schluss zeigt, wohin der Brauch gehört: zu den Heischebräuchen am Jahresübergang; „vor allem in Hungerzeiten war das Bettelklausen verbreitet”, belegt in Herisau für 1816/17 (S. 2).

Was bleibt, wenn man die heidnischen Dämonen abzieht, ist nicht weniger: ein Nikolausbrauch, den die Kirche dreihundert Jahre lang verbot, der ihr auswich, indem er den Termin wechselte, und der seine schönsten Masken im 20. Jahrhundert bekam. Der andere Larvenbrauch dieser Fläche, dessen Deutung umstritten ist, steht unter Groppenfasnacht.

Quellen

Was nicht belegt ist, steht oben unter „Was erzählt wird" — und nirgends sonst.