
Ereschkigal herrscht über das Land, das niemand verlässt. Ihr Name heisst „Herrin der grossen Erde”, und die grosse Erde ist die unter der Erde: Kurnugea, „das Land ohne Wiederkehr”, „die Behausung der Finsternis, die Wohnung Irkallas, die Behausung, die niemand verlässt, der sie betrat” — so beschreibt es der Text, der von ihrer Schwester erzählt (Ungnad 1921, S. 142). Über ihre Tür und ihren Riegel ist Staub gebreitet.
Die Schwester
Als Ischtar am Tor steht und droht, es zu zerschlagen, erschrickt die Königin der Toten. Der Pförtner meldet ihr, wer da sei — „sie, die da hält die grossen Orgien, die aufwühlt die Fluten” —, und Ereschkigals Antlitz „ward gelb gleich einer abgehauenen Tamariske, gleich einem niedergeschlagenen Rohrbusch ward sie völlig niedergeschlagen”. Dann sagt sie, wie sie lebt: „Siehe, ich trinke Wasser mit den Anunnaki, statt Speisen esse ich Lehm, statt Bier trinke ich abgestandenes Wasser. Lass mich weinen über die Männer, die ihre Gattinnen verlassen mussten, lass mich weinen über die Frauen, die aus ihrer Gatten Schoss gerissen wurden” (S. 143). Die Herrin der Toten ist ihre erste Gefangene. Sie herrscht nicht aus Macht, sondern weil jemand dort sein muss, und sie beneidet die Schwester um alles, was diese oben hat.
Sie lässt Ischtar durch die sieben Tore führen, an jedem ein Stück entkleidet, und als die Schwester nackt vor ihr steht, lässt sie sechzig Krankheiten auf sie los — Augen, Seiten, Füsse, Herz, Kopf, den ganzen Leib. Ischtar ist tot, und Ereschkigal hat gewonnen, bis Eas Bote kommt und sie mit einem Trick zwingt, das Wasser des Lebens herauszugeben (S. 144–149). Sie verflucht den Boten, und sie muss die Schwester gehen lassen. Die Unterwelt gewinnt nie ganz.
Der Mann
Die andere Geschichte erzählt, wie sie zu einem König kam. Die Götter halten ein Gastmahl, zu dem sie nicht hinaufkommen kann, und schicken ihr einen Boten, der ihren Anteil holen soll; alle Götter erheben sich vor dem Boten — nur Nergal, der Gott der Seuche, bleibt sitzen. Ereschkigal verlangt ihn zur Strafe in die Unterwelt, und Nergal kommt, mit vierzehn Dämonen als Wache an den Toren, packt sie an den Haaren und will sie enthaupten — und sie bietet ihm die Herrschaft und sich selbst an. Nergal bleibt und wird König der Toten (S. 149–151). So bekam das Land ohne Wiederkehr einen Herrscher, der von oben kam und sich nehmen liess, was er erobern wollte.
Die Griechen hätten in ihr Persephone gesehen, die Römer Proserpina. Aber Ereschkigal ist keine geraubte Tochter; sie war von Anfang an unten. Was Wikidata mit ihr gleichsetzt, steht unten — und das Bild oben, die geflügelte Frau mit Vogelfüssen auf zwei Löwen, ist vielleicht sie und vielleicht die Schwester. Man weiss es nicht, und die Fläche sagt es.