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Welten

Mesopotamien

Die älteste Welt dieser Fläche, und die am spätesten wiedergefundene: ihre Texte lagen zweieinhalbtausend Jahre unter Schutt, bis man die Keilschrift lesen konnte. Aufgenommen für das Thema Flut — Utnapischtim ist die älteste Fassung, die wir besitzen, und ein Vergleich ohne sie wäre keiner.

Woher wir es wissen — Tontafeln aus einer Bibliothek

Von allen Welten dieser Fläche ist Mesopotamien die, deren Texte am längsten verschollen waren und die man am wörtlichsten besitzt. Griechenland wurde abgeschrieben, Jahrhundert um Jahrhundert, bis zum Buchdruck; Ägyptens Tempel standen immer. Babylons Tafeln lagen zweieinhalbtausend Jahre unter Schutt, bis man im 19. Jahrhundert die Bibliothek des Assurbanipal in Ninive ausgrub — und dort, sagt Ungnad, stammen die ältesten Abschriften des Weltschöpfungsgedichts her, aus den Jahren 668 bis 626 v. Chr., obwohl das Gedicht selbst wohl aus der Zeit Hammurapis stammt, um 2000 v. Chr. (Ungnad 1921, S. 25).

Was man ausgrub, war ein Ton mit Keilen darin, den niemand lesen konnte. Die Entzifferung der Keilschrift dauerte Jahrzehnte; als 1872 in London ein Tafelfragment mit einer Sintflutgeschichte gelesen wurde, die der biblischen glich und älter war, war die Nachricht eine Sensation. Seither ist die Überlieferung Mesopotamiens die einzige alte, die noch wächst: Jedes Jahr werden Tafeln gelesen, die noch niemand gelesen hat.

Deshalb ist auf dieser Seite jede Angabe hundert Jahre alt. Ungnads Übersetzungen von 1911 und 1921 sind gemeinfrei und deutsch; die neueren sind besser und geschützt. Wo Ungnad eine Lücke setzt oder ein Fragezeichen, steht es hier mit — und wer es genauer wissen will, findet die heutige Lesung in Ausgaben, die diese Seite nur nennen kann.

Die Griechen haben Babylon noch gesehen. Herodot beschreibt die Stadt als Viereck mit Mauern, auf denen ein Vierergespann wenden konnte, und den Turm des Bel in acht Stufen mit dem Tempel obenauf, in dem kein Bild stand, nur ein Bett und ein Tisch (Historien 1,178–183). Was er beschreibt, ist das, was von der Welt dieser Seite übrig war, als sie zu Ende ging.

Der Anfang — Tiamat, Marduk, und ein Mensch aus dem Blut eines Gottes

Das babylonische Weltschöpfungsgedicht beginnt mit dem, was noch keinen Namen hat. „Als droben der Himmel noch nicht benannt war, die Feste unten einen Namen nicht hatte, als Apsû, der Uranfängliche, aller Erzeuger, Mummu, Tiâmat, die Mutter von allen, mit ihren Wassern in eins sich mischten, als Festland nicht war, noch Marsch sich fand, als von allen Göttern kein einziger lebte, noch keiner benannt, kein Schicksal bestimmt war — da wurden gebildet die Götter in ihrer Mitte” (Erste Tafel, 1–9). Zwei Wasser: das süsse, Apsû, und das salzige Meer, Tiâmat. Wo sie sich mischen, entstehen die Götter — so wie am Persischen Golf, wo Euphrat und Meer zusammenkommen, das Land entsteht.

Die Götter sind laut, und die alten Wasser wollen Ruhe. Apsû beschliesst, seine Kinder zu vernichten; Ea, der Kluge, erschlägt ihn zuerst. Tiâmat aber rüstet ein Heer aus Ungeheuern und setzt Kingu an die Spitze, dem sie die Schicksalstafeln gibt. Die Götter fürchten sich; Ea wagt es nicht, Anu wagt es nicht (Zweite Tafel). Dann tritt Marduk vor, Eas Sohn, und stellt eine Bedingung: Er kämpft, wenn die Götter ihn zum König machen.

Sie prüfen ihn erst. Sie legen ein Kleid vor ihn hin: „Auf deinen Befehl vergehe das Kleid jetzt! Gebiete dann wieder, dass neu es entstehe!” Marduk gebietet, das Kleid vergeht; er gebietet, es ist wieder da. „Als sahen die Götter die Kraft seines Wortes, da jubeln sie huldigend: Marduk ist König!” (Vierte Tafel, Ungnad S. 40). Das ist die Theologie dieser Welt in einer Szene: Ein Gott herrscht, weil sein Wort wirkt, und die anderen Götter haben ihn gewählt, weil sie Angst hatten.

Marduk tötet Tiâmat mit dem Netz und den Winden, spaltet sie wie einen Fisch und macht aus der einen Hälfte den Himmel, aus der anderen die Erde; er setzt die Sterne, den Mond, das Jahr (Vierte und Fünfte Tafel). Ungnad merkt an, dass der Dichter Schöpfungssagen aus Uruk, Eridu und Nippur benutzt und „alle Strahlen der älteren Dichtung auf Marduk geleitet” habe — das Gedicht ist die Propaganda einer Hauptstadt, und es sagt es fast selbst (S. 25).

Dann der Mensch. „Blut will ich sammeln, Gebein dazufügen, will hinstellen den Menschen; Mensch sei sein Name. Zur Pflege der Götter sei er verpflichtet” (Sechste Tafel, 5–8). Ea schlägt vor, wessen Blut: Kingu, der Anführer des Feindes, wird geopfert, „er werde vernichtet zur Erschaffung der Menschen” (13–14). Der Mensch ist aus dem Blut eines besiegten Gottes gemacht, und er ist gemacht, damit die Götter nicht mehr arbeiten müssen. Keine andere Welt dieser Fläche hat den Zweck der Menschen so knapp gesagt.

Gilgamesch — der König, der das Sterben nicht annahm

Das älteste Epos der Welt beginnt mit einer Mauer. „Er war’s, der alles sah bis an des Landes Grenzen, der jegliches erfuhr, erlernte alle Dinge … Von der Sintflut Vorzeit brachte er Kunde, ging einen fernen Weg, sich mühend und quälend, schrieb auf eine Tafel die ganze Mühsal. Er liess bauen die Mauer des umfriedigten Uruk” (Erste Tafel, 1–9). Gilgamesch ist König von Uruk, „zwei Drittel an ihm sind Gott, ein Drittel an ihm ist Mensch” — und das eine Drittel ist das Problem des ganzen Gedichts.

Zuerst ist er ein Tyrann. Er lässt „den Sohn nicht zum Vater, Tag und Nacht die Mauer bauend”, und „die Jungfrau nicht zum Geliebten”; die Klagen der Stadt hören die Götter, und sie schaffen ihm einen Gegner (Erste Tafel, 61–70): Enkidu, den wilden Mann aus der Steppe, der mit den Gazellen lebt, bis eine Frau ihn zum Menschen macht. Die beiden kämpfen, werden Freunde, töten den Wächter des Zedernwaldes und den Himmelsstier, den Ischtar schickt, weil Gilgamesch sie abgewiesen hat. Dann stirbt Enkidu, an einer Krankheit, die die Götter verhängen.

Und Gilgamesch versteht zum ersten Mal, dass er auch sterben wird. Er läuft in Tierfellen an das Ende der Welt, durch den Berg, in dem die Sonne untergeht, über das Wasser des Todes, zu Utnapischtim — dem einen Menschen, der die Sintflut überlebt hat und dem die Götter das ewige Leben gaben. Der erzählt ihm die Flut (sie steht auf dieser Fläche unter den Themen) und sagt ihm, warum es nicht wiederholbar ist. Gilgamesch findet das Kraut der Jugend auf dem Meeresgrund, und eine Schlange frisst es, während er badet. Er kehrt nach Uruk zurück und zeigt dem Fährmann die Mauer.

Das ist das Ende, und es ist die Antwort: Was von einem Menschen bleibt, ist das, was er gebaut hat. Das Epos beginnt mit der Mauer und endet mit ihr. Kein Grieche hätte so von einem Helden erzählt — Achilleus wählt den frühen Tod für den Ruhm; Gilgamesch will nicht sterben und muss es lernen. Ungnad hat das Gedicht 1911 als Erster vollständig ins Deutsche gebracht; seither sind Tafeln dazugekommen, die er nicht kannte, aber der Anfang und das Ende stehen, wie sie standen.

Das Totenreich — das Land ohne Wiederkehr

Die Unterwelt heisst Kurnugea, „das Land ohne Wiederkehr”, und der Text, der sie am genauesten beschreibt, ist der Anfang von Ischtars Fahrt dorthin. Die Göttin richtet ihren Sinn „nach der Behausung der Finsternis, der Wohnung Irkallas, nach der Behausung, die niemand verlässt, der sie betrat, nach dem Wege, dessen Bahn sich nicht wieder wendet, nach der Behausung, deren Bewohner des Lichtes entbehren, wo Erde ihre kümmerliche Nahrung, Lehm ihre Speise, wo sie das Licht nicht schauen, in Finsternis wohnend; bekleidet sind sie wie Vögel mit Flügelkleide; über Tür und Riegel ist Staub gebreitet” (Ungnad 1921, S. 142). Das ist das griechische Totenreich, nur älter und staubiger: kein Gericht, kein Lohn, Lehm zu essen und Federn statt Kleider.

Ischtar droht dem Pförtner: Öffne, „sonst zerschlage ich die Tür, zerbreche ich den Riegel, führe ich die Toten hinauf, dass sie die Lebenden essen; dass mehr als Lebendige der Toten es gebe!” (14–20). Es ist die Drohung, die auch Gilgamesch in den Mund gelegt wird, und sie sagt, was die Babylonier fürchteten: nicht die Hölle, sondern dass die Toten zurückkommen.

Drinnen herrscht Ereschkigal, Ischtars Schwester, und als sie hört, wer am Tor steht, „ward gelb ihr Antlitz gleich einer abgehauenen Tamariske”; sie klagt, sie trinke Wasser mit den Anunnaki, esse Lehm statt Speise, abgestandenes Wasser statt Bier, und weine um die Männer, die ihre Frauen verlassen mussten (S. 143). Die Königin der Toten ist selbst eine Gefangene. Ischtar wird durch sieben Tore geführt und an jedem eines Kleidungsstücks beraubt, bis sie nackt vor der Schwester steht und getötet wird — und auf der Erde hört die Liebe auf, und Ea muss einen Boten schicken, der sie mit dem Wasser des Lebens zurückholt.

Ein anderer Text erzählt, wie Nergal, der Gott der Seuche, in die Unterwelt hinabsteigt, um Ereschkigal zu strafen, und ihr Mann wird (S. 149). Das Totenreich hat einen König, weil ein Gott von oben herabkam und blieb. Von einer Rückkehr für Menschen erzählt keine dieser Geschichten; die Toten, die Gilgamesch am Ende des Epos befragt, bestätigen es, und der Staub auf Tür und Riegel ist das letzte Wort.

Die Götter und die Stadt — jeder Gott ein Haus

In Mesopotamien hatte jeder Gott eine Stadt, und jede Stadt einen Gott. Anu, der Himmel, wohnte in Uruk; Enlil, der Herr des Windes und der Erde, in Nippur; Ea, der kluge Gott des Süsswassers, in Eridu — und Ungnad zeigt, wie das Weltschöpfungsgedicht die Sagen dieser drei Städte zusammenschmolz, um Marduk, den Gott von Babylon, über sie zu stellen (1921, S. 25). Theologie war hier Stadtpolitik. Wenn eine Stadt herrschte, herrschte ihr Gott; als Babylon unterging, herrschte Marduk nicht mehr.

Der Stammbaum, den das Gedicht am Anfang aufstellt, ist deshalb ein Verzeichnis der Machtverhältnisse: Apsû und Tiâmat, dann Lachmu und Lachamu, Anschar und Kischar, Anu, Ea, und zuletzt Marduk — jede Generation „mächtiger als die Väter” (Erste Tafel, 10–20). Enlil, der in Nippur der grösste war, fehlt in Ungnads Stammbaum fast; der Dichter aus Babylon hat ihn beiseitegeschoben.

Ein Gott wohnte wirklich. Sein Tempel war ein Haus mit Küche und Schlafraum, sein Bild wurde morgens geweckt, gewaschen, gekleidet und gespeist, und die Priester assen danach, was der Gott übrig liess. Herodot hat den Turm des Bel in Babylon noch gesehen und berichtet, was die Priester ihm sagten: Im obersten Tempel stehe ein grosses Bett, gut gedeckt, und ein goldener Tisch, kein Bild — und nachts schlafe dort nur eine Frau, die der Gott sich aus allen ausgewählt habe, und der Gott komme selbst (1,181–182). Herodot fügt hinzu, er glaube das nicht. Aber er beschreibt genau die Vorstellung, die die Texte bestätigen: Der Gott ist im Haus.

Über alle Städte hinweg stand Ischtar. Ungnad übersetzt ein Lied, das sie „Himmelskönigin” nennt, die Herrin des Morgen- und des Abendsterns (S. 139). Sie ist Inanna der Sumerer und Ischtar der Akkader, Göttin der Liebe und des Krieges zugleich, die Gilgamesch begehrt und ihm den Himmelsstier schickt, als er ablehnt, und die in die Unterwelt hinabsteigt und dort stirbt. Keine andere Gottheit dieser Welt ist so oft in anderen wiederzuerkennen — in Aphrodite, in Astarte —, und das Register zeigt es: Wikidata führt sie unter zwei Namen und mehreren Klassen, und keine davon ist die dieser Welt. Die grössten Götter Babylons standen in diesem Register zuerst nicht drin. Sie stehen jetzt drin, von Hand nachgetragen, mit Grund.

Die Gestalten

7 Gestalten haben eine geschriebene Seite. Sie entstehen einzeln — recherchiert, geschrieben, Stelle für Stelle belegt.

Im Register, ohne eigene Seite

Wikidata führt für Mesopotamien 40 Gestalten. 31 davon stehen hier mit Namen und Verweis auf ihren Eintrag — gezählt, nicht versteckt, und ohne eigene Seite, weil noch niemand sie geschrieben hat. 2 weitere tragen weder einen deutschen noch einen englischen Namen und stehen nur als Kennung im Bestand. Wo ein deutscher Name fehlt, steht der englische, mit (en) markiert. Die Zahl ist kein Bedeutungsmass: sie misst, was eingetragen ist.

Quellen

Jeder Abschnitt oben trägt seine eigenen Quellen mit Stelle; hier stehen sie zusammen. Das Register stammt aus Wikidata (CC0).