
Die Sonne ist in Mesopotamien kein Schöpfer wie in Ägypten und kein Wagenlenker wie in Griechenland. Sie ist der Richter. Schamasch sieht alles, weil er jeden Tag über alles hinweggeht, und was er sieht, beurteilt er. Der Hymnus, den Ungnad aus Assurbanipals Bibliothek übersetzt, sagt es in der Sprache eines Amtes: „Erleuchter der Dunkelheit, Erheller des Himmels, Vernichter des Bösen droben und drunten … Die Völker der Lande allesamt überwachst du, die Geschöpfe des Königs und Fürsten Ea sind allzumal dir anvertraut. Die hauchbeseelten Wesen weidest du in gleicher Weise, du allein bist ihr Hüter droben und drunten … Hirt der unteren Welt, Hüter der oberen, Lenker und Licht der Welt bist du, Schamasch, allein!” (1921, S. 185).
Der Weg
„Du ziehst ständig einher über den Himmel, über die weite Erde gehst du täglich dahin, über Meer, Ozean, Berge, Erde, Himmel” — und nachts, das wissen die Babylonier so gut wie die Ägypter, durch die Unterwelt, „das untere Reich des Fürsten Kubu und der Anunnaki überwachst du” (S. 185–186). Er ist der einzige Gott, der beide Reiche sieht, und deshalb der einzige, der über beide urteilen kann. Im Gilgamesch-Epos ist er es, der dem Helden auf dem Weg zum Zedernwald hilft und die Winde schickt; im Sintflutbericht ist es Schamasch, der die Stunde bestimmt, an der der Sturm kommt.
Der Richter
Auf der Stele, die Hammurapis Gesetze trägt, sitzt er oben auf dem Thron, Strahlen aus den Schultern, und reicht dem König Ring und Stab — die Zeichen der Herrschaft, oder das Messwerkzeug, mit dem man Gerechtigkeit misst. Der König darunter steht mit erhobener Hand. Die Gesetze, sagt die Stele, hat der König aufgestellt, „damit der Starke den Schwachen nicht schädige”; die Vollmacht dazu kommt vom Sonnengott. Ein Richter, der nicht besticht und den niemand bestechen kann: Das war Schamasch, und das war die Rolle, die jedes babylonische Gericht mit seinem Namen für sich beanspruchte.
Seine Städte waren Sippar und Larsa, und sein Tempel hiess in beiden Ebabbar, „das weisse Haus”. Nebukadrezar liess ihn wieder aufbauen und bat den Gott in einem Prosagebet, das Ungnad übersetzt, um ein langes Leben und einen gerechten Spruch (S. 183). Die Sonne, die in Ägypten Re heisst und alles hervorgebracht hat, bringt in Babylon nichts hervor. Sie schaut zu, und sie richtet — was die Menschen dort für das Wichtigere hielten.