
Die Unterwelt hat in Babylonien eine Königin, und sie hat einen Mann, der sich den Platz genommen hat. Ungnad fasst es in einem Satz: Herrscherin der Toten ist „Ereschkigal oder Allatu, die freudlose Königin, und ihr Gemahl der Pestgott Nergal, der durch List und Gewalt sich den Thron des Totenreiches eroberte” (Ungnad S. 15). Wie das geschah, erzählt ein Mythus, der auf einer Tafel aus Ägypten erhalten ist — in El-Amarna, wo babylonische Texte als Lesebuch dienten.
Der Bote
Die Götter halten ein Gastmahl und schicken zu ihrer Schwester in die Unterwelt: „Wollten wir auch zu dir hinabsteigen, so kommst du doch nicht zu uns herauf; lass dir deshalb deine Mahlzeit holen.” Ereschkigal sendet ihren Boten Namtar hinauf; die Götter erheben sich und grüssen ihn — alle bis auf einen. Die Königin lässt ausrichten: „Den Gott, der vor meinem Boten nicht aufstand, den bring’ zu mir, damit ich ihn töte” (S. 148). Es ist Nergal. Er wendet sich an den weisen Ea, und der gibt ihm mit: „Ich werde dir geben sieben und abermals sieben mächtige Dämonen, dass sie mit dir gehen” — und zählt sie auf, Namen von Krankheiten (S. 148).
Die vierzehn Tore
Am Tor der Unterwelt gibt Nergal sich als Gesandter aus. Namtar erkennt ihn: „Meine Herrin, der Gott ist da, der vor einigen Monaten in unbesonnener Weise vor mir nicht aufstand.” — „Lass ihn eintreten! Sobald er vor mich kommt, will ich ihn töten!” (S. 149). Aber Nergal stellt an jedes der vierzehn Tore einen seiner Dämonen, „Mutabriku am vierten, Scharabdu am fünften, Rabisu am sechsten … Ummu am dreizehnten, Libu am vierzehnten Tore. Entsetzen richtete er im Hofe an.” Dann: „Inmitten des Hauses ergriff er Ereschkigal. An ihren Haaren zog er sie vom Stuhle herab zum Erdboden, um ihr das Haupt abzuschlagen” (S. 149).
Der Handel
Und da dreht sich die Geschichte. „‚Töte mich nicht, mein Bruder! Lass mich dir ein Wort sagen!’ Da hörte Nergal auf sie, und seine Hände liessen ab. Sie weint und jammert: ‚Mögest du mein Gatte, ich dein Weib sein! Ich will dich ergreifen lassen die Herrschaft über die weite Unterwelt. Die Tafeln der Weisheit will ich in deine Hand legen. Du sollst Herr, ich will Herrin sein!’ Da hörte Nergal auf diese ihre Rede, ergriff sie, sie küssend und ihre Tränen abwischend: ‚Alles, was du von mir begehrt hast seit vergangenen Monden, das sei jetzt erfüllt!’” (S. 149–150). Der Eroberer wird zum Ehemann; die Unterwelt bekommt einen König, ohne ihre Königin zu verlieren.
Nergals Stadt war Kutha, wo er „der chthonische Gott Irra oder Nergal” war (S. 12). Ungnad merkt an, die babylonischen Theologen hätten ihn „bald als Sohn Anus, bald als Sohn Enlils und bald als Sohn Eas” bezeichnet — „so ergibt sich schon aus diesem Schwanken, wie sekundär die Verknüpfung der chthonischen Gottheiten mit den himmlischen” sei (S. 15). Die Königin, die er sich nahm, steht unter Ereschkigal; was sie beherrschen, unter Totenreich.