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Das Totenreich

3 Fassungen: Griechenland · Ägypten · Rom. Keine ist das Original.

Was nach dem Tod kommt, ist die Frage, an der sich die Welten dieser Fläche am weitesten voneinander entfernen. Der griechische Achilleus wäre lieber Tagelöhner als König der Toten; der ägyptische Lebensmüde sehnt den Tod herbei wie die Heimkehr aus der Gefangenschaft; der Römer stellt den Toten im Februar Veilchen ans Grab und jagt sie im Mai mit Bohnen aus dem Haus.

Drei Dinge zum Achten: ob es ein Gericht gibt — ob das Verhalten im Leben über den Ort danach entscheidet; ob die Toten etwas sind — Schatten, Personen, Götter; und wie nah sie sind — am Rand der Welt, unter dem Boden, im eigenen Haus.

Die Reihenfolge unten ist Redaktion, nicht Rang. Was fehlt — Mesopotamien mit seinem Staub-Haus, die Auferstehungshoffnung der lebenden Religionen —, fehlt, weil es noch nicht geschrieben ist.

Griechenland

Kein Gericht — für fast niemanden. Die Toten bei Homer werden nicht gerichtet, sie werden nur weniger. Odysseus muss ihnen Blut geben, damit sie sprechen können; seine Mutter greift er dreimal, und dreimal fasst er durch sie hindurch „wie einen Schatten oder einen Traum” (Odyssee 11,204–222). Bestraft werden drei — Tityos, Tantalos, Sisyphos —, und alle drei haben Götter beleidigt, nicht Menschen (11,576–600). Für den gewöhnlichen Toten gibt es weder Lohn noch Strafe.

Was die Toten sind: Schatten, eídola, Abbilder ohne Kraft. Patroklos erscheint dem Achilleus im Schlaf, bittet um Bestattung, weil die anderen Schatten ihn sonst nicht über den Fluss lassen, und will die Hand — und ist Rauch, als Achilleus zugreift (Ilias 23,65–107). Achilleus selbst sagt den Satz, der alles über diese Welt sagt: Lieber Tagelöhner bei einem armen Mann als König über alle Toten (Odyssee 11,488–491).

Wie weit: am Rand der Welt, jenseits des Okeanos, wo die Sonne nicht hinkommt. Man fährt hin, man wohnt nicht daneben.

Und die Ausnahmen, die die Regel zeigen. Menelaos kommt nach Elysion, weil er Helenas Mann ist (Odyssee 4,561–569). Und der Hymnus an Demeter verspricht denen, die in Eleusis die Weihen gesehen haben, ein anderes Los als denen, die sie nicht gesehen haben (Hymnus 2, 473–482) — der erste Riss in der Gleichheit der Schatten. Von dort führt der Weg zu den Mysterien und zu den Philosophen, die aus dem Totenreich einen Ort machen, an dem etwas über einen entschieden wird. Bei Homer ist es das noch nicht.

Ägypten

Ein Gericht — für jeden. Der Tote tritt in die Halle der beiden Wahrheiten, vor Osiris und zweiundvierzig Richter, und zählt auf, was er nicht getan hat: nicht getötet, nicht gestohlen, nicht das Wasser des Nachbarn abgeleitet, nicht das Mass verfälscht. Dann wird sein Herz gegen die Feder der Maat gewogen (Totenbuch, Spruch 125). Ist es schwerer, frisst es die Verschlingerin. Das ist der grösste Unterschied zu Griechenland: In Ägypten entscheidet das Leben über das, was danach kommt, und zwar für jeden, nicht nur für Könige.

Was die Toten sind: kein Schatten, sondern eine Person mit mehreren Teilen — Ba und Ka, Leib und Name —, die alle versorgt werden müssen, damit sie zusammenbleiben. Deshalb die Mumie, deshalb das Grab mit Speisen, deshalb der Skarabäus auf dem Herzen mit dem Spruch, das Herz möge nicht gegen seinen Besitzer aussagen (Spruch 30B). Und der Tote wird Osiris: Die Pyramidentexte sprechen den König durchgehend als „Osiris” an; später darf es jeder, der die Sprüche hat.

Wie weit: unten, in der Duat, durch die Re jede Nacht fährt — und zugleich oben, unter den unvergänglichen Sternen, mit denen die Pyramidentexte den König aufsteigen lassen (Sprüche 263–266). Beide Vorstellungen galten, und die Ägypter haben sie nicht gegeneinander ausgespielt.

Der Ton ist der andere. Der Lebensmüde sagt zu seiner Seele: „Der Tod steht heute vor mir, wie wenn ein Kranker gesund wird, wie wenn man nach der Krankheit ausgeht … wie der Geruch der Myrrhen, wie wenn man am windigen Tage unter dem Segel sitzt … wie wenn jemand sein Haus wiederzusehen wünscht, nachdem er viele Jahre in Gefangenschaft verbracht hat” (Erman, S. 129–130). Kein Grieche hat so vom Tod gesprochen — und kein Ägypter wie Achilleus.

Rom

Zwei Antworten nebeneinander. Die eine ist alt und römisch: Die Toten sind die Manes, die Guten, und sie gehören zur Familie. Im Februar bringt man ihnen an die Gräber, was sie brauchen — Kränze, Salz, in Wein geweichtes Brot, Veilchen; „die Manen verlangen wenig” (Fasti 2,533–570). Im Mai vertreibt der Hausvater sie um Mitternacht mit schwarzen Bohnen und dem neunmal gesprochenen „Manen meiner Väter, geht hinaus!” (Fasti 5,419–492). Kein Gericht, keine Ferne: Die Toten wohnen im Haus, und man regelt den Umgang mit ihnen wie mit Verwandten, die zu lange bleiben.

Die andere Antwort ist griechisch und philosophisch, und Vergil hat sie so geschrieben, dass Europa sie danach für die römische hielt. Im sechsten Buch der Aeneis gibt es alles, was Homer nicht hatte: Charon, der die Unbestatteten hundert Jahre warten lässt (6,295–332); den Tartarus mit Richtern und Strafen für Verbrechen an Menschen, nicht nur an Göttern (6,548–627); Elysium für die Guten (6,637–678). Und Anchises erklärt dem Sohn, ein Geist durchdringe die Welt, die Seelen seien Funken davon, im Leib verdunkelt, nach dem Tod gereinigt, und kehrten nach tausend Jahren am Lethe in neue Körper zurück (6,724–751).

Ein Gericht: ja, bei Vergil. Die Toten: Seelen mit Zukunft, bei Vergil; Hausgeister, in den Fasti. Wie weit: in derselben Stadt beides — Rom hat die Bohnen im Haus und die Seelen am Lethe nebeneinander ausgehalten, und die Fasti und die Aeneis sind vom selben Jahrzehnt.

Quellen

Jede Fassung oben trägt ihre eigenen Quellen mit Stelle; hier stehen sie zusammen.