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Ägypten

Der zweite Prüfstein, und mit Absicht der denkbar andere: keine Stammbäume im griechischen Sinn, sondern Neunheiten, Verschmelzungen (Amun-Re) und dieselbe Gottheit mit drei Gesichtern am Morgen, Mittag und Abend. Ein Schema, das nur Zeus kennt, zerbricht an Re — deshalb steht Ägypten in Welle 0.

Woher wir es wissen

Pyramidentexte an der Wand der Grabkammer des Unas, Sakkara
Pyramidentexte an der Wand der Grabkammer des Unas, SakkaraBrooklyn Museum · Public domain · Wikimedia Commons

Ägypten hat keinen Hesiod. Es gibt keinen Text, der die Götter der Reihe nach erzählt, vom Anfang bis zur Ordnung der Welt. Was es gibt, sind Texte, die etwas bewirken sollten: Sprüche an den Wänden der Pyramiden, die den toten König zum Himmel bringen; Rollen im Sarg, die den Toten durch das Gericht führen; Hymnen, die am Morgen gesungen wurden. Die Götter kommen darin vor, wie Personen in einem Gebet vorkommen — angeredet, angerufen, vorausgesetzt, aber nicht erklärt.

Das Älteste davon sind die Pyramidentexte aus dem Alten Reich, die ältesten religiösen Texte, die die Menschheit überhaupt besitzt. Das Bekannteste ist das Totenbuch aus dem Neuen Reich, tausend Jahre jünger. Dazwischen und danach liegen anderthalb Jahrtausende, in denen dieselben Götter anders hiessen, anders zusammengesetzt und anders gewichtet wurden — vom 4. Jahrtausend v. Chr. bis in die römische Zeit hat diese Überlieferung länger gedauert als alles, was seither auf sie folgte.

Deshalb ist das Erste, was man über Ägypten wissen muss, eine Warnung: „Die ägyptische Religion” gibt es nicht. Es gibt die von Heliopolis, die von Memphis, die von Theben, und sie haben einander nicht widerlegt, sondern nebeneinander gestanden und sich vermischt. Ein Gott konnte mit einem anderen verschmelzen, ohne dass einer verschwand. Das ist für europäische Leser die grösste Hürde, und diese Seite versucht, sie nicht zu glätten.

Zitiert wird hier aus gemeinfreien Ausgaben — Sethes Pyramidentexte, Ermans Sammelübersetzung von 1923 — und nachgewiesen wird, wo eine moderne Übersetzung steht, die wir nicht wiedergeben dürfen. Unten stehen alle Gestalten, die Wikidata dieser Welt zuordnet, mit Namen; viele davon tragen nur einen englischen, manche gar keinen. Auch das ist eine Auskunft über die Quelle, nicht über die Götter.

Die Schöpfung — ein Hügel im Urwasser, und drei Städte, die es anders erzählen

Nut, der Himmel, über Geb, der Erde, von Schu gestützt — Papyrus, British Museum
Nut, der Himmel, über Geb, der Erde, von Schu gestützt — Papyrus, British MuseumPhotographed by the British Museum; original artist unknown · Public domain · Wikimedia Commons

Am Anfang ist Wasser. Nicht Chaos, nicht Leere: Nun, das Urwasser, dunkel und ohne Grenze. Daraus steigt ein Hügel, und auf dem Hügel steht Atum, allein. Die Pyramidentexte lassen ihn — in Heliopolis, der Stadt des Sonnengottes — Schu und Tefnut aus sich hervorbringen; der Text sagt es körperlich, er spuckt sie aus, und er stellt seine Arme um sie wie einen Ka, damit sie leben (Spruch 600).

Schu ist die Luft, Tefnut die Feuchte. Aus ihnen kommen Geb, die Erde, und Nut, der Himmel; Schu hebt Nut über Geb empor und trennt die beiden — das ist der Raum, in dem alles Weitere geschieht. Geb und Nut haben vier Kinder: Osiris, Isis, Seth und Nephthys. Neun Götter, die Neunheit von Heliopolis, und die Geschichte der Welt geht mit dem jüngsten Paar weiter.

Wer beim Nil aufwuchs, sah diesen Hügel jedes Jahr: Wenn die Flut zurückging, tauchte das Land als Erstes an den höchsten Stellen wieder auf. Die Schöpfung ist in Ägypten kein einmaliges Ereignis, sondern das, was jedes Jahr und jeden Morgen wieder geschieht.

Memphis hat es anders erzählt, und man hat den Text in Stein: Ptah, der Gott der Handwerker, erschafft die Welt nicht mit dem Körper, sondern mit Herz und Zunge — er denkt die Götter und spricht sie aus, und Atum mit seiner Neunheit ist nur das Werkzeug. Der Text steht auf dem Schabaka-Stein im British Museum, einer Abschrift aus der 25. Dynastie, die sich als viel älter ausgibt; wie alt er wirklich ist, streitet die Forschung seither.

Und Theben hat Amun an die Stelle gesetzt, den Verborgenen, der schon vor dem Urwasser da war. Keine dieser drei Fassungen hat die anderen verdrängt. Das Totenbuch lässt den Toten im 17. Spruch sagen, er sei Atum gewesen, als er allein im Nun war — und im selben Atemzug Re bei seinem ersten Aufgang. Wer das für einen Widerspruch hält, hat Ägypten noch nicht verstanden.

Die Sonne — jede Nacht ein Kampf, jeden Morgen eine Geburt

Das Amduat an den Wänden der Grabkammer Thutmosis’ III. (KV 34), Tal der Könige
Das Amduat an den Wänden der Grabkammer Thutmosis’ III. (KV 34), Tal der Königeunbekannt · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons

Die ägyptische Welt ist ein Raum zwischen zwei Körpern: Geb, die Erde, liegt unten; Nut, der Himmel, wölbt sich über ihm, auf Händen und Füssen, von Schu gestützt. An ihrem Leib entlang fährt die Sonne. Und die Sonne ist ein Gott, der jeden Tag dieselbe Reise macht und jede Nacht dieselbe Gefahr besteht.

Am Morgen ist er Chepri, der Skarabäus, der die Kugel vor sich herrollt wie der Mistkäfer seine; am Mittag ist er Re; am Abend ist er Atum, der Alte, der im Westen in die Unterwelt hinabsteigt. Drei Namen für drei Stunden, und keiner ist der eigentliche.

Was in der Nacht geschieht, beschreibt das Amduat, das „Buch von dem, was in der Unterwelt ist”, an den Wänden der Königsgräber des Neuen Reichs: zwölf Stunden, zwölf Räume, und in jedem wartet etwas. In der siebten stellt sich Apophis in den Weg — eine Schlange, so gross, dass sie das Wasser aufsaugt, auf dem die Sonnenbarke fährt. Sie wird jede Nacht gefesselt und zerschnitten. Am nächsten Abend ist sie wieder da. Der Sonnenaufgang ist in dieser Vorstellung nicht selbstverständlich, sondern ein Sieg, den man jede Nacht neu braucht — und die Totenbuch-Hymnen (Spruch 15) lassen den Verstorbenen wünschen, in der Barke zu stehen und die Feinde des Re fallen zu sehen.

Dass die Sonne am Morgen geboren wird, ist wörtlich gemeint: Nut verschlingt sie abends und gebiert sie morgens. Der Himmel ist eine Mutter, und der Tag ist ein Kind.

Einmal hat ein König versucht, das alles auf eines zu reduzieren. Echnaton verehrte im 14. Jahrhundert v. Chr. die sichtbare Scheibe, Aton, und liess die übrigen Götter verdrängen. Sein grosser Sonnenhymnus — Erman hat ihn übersetzt — kennt keine Barke und keine Schlange, nur das Licht: Wenn es aufgeht, erwacht die Erde, die Vögel fliegen, die Fische springen; wenn es untergeht, liegt alles im Dunkel „wie tot”. Es ist die schönste Sonnentheologie Ägyptens, und sie hat ihren König nicht überlebt.

Das Totenreich — Osiris, das Gericht, und ein Herz auf der Waage

Die Herzwägung vor Osiris — Totenbuch des Hunefer, British Museum
Die Herzwägung vor Osiris — Totenbuch des Hunefer, British MuseumHunefer · Public domain · Wikimedia Commons

In Griechenland ist der Tod das Ende von allem, was zählt. In Ägypten ist er eine Prüfung mit einem Ausgang, den man sich verdienen kann — und das ist der grösste Unterschied zwischen den beiden Welten dieser Fläche.

Der Gott dieses Reiches ist Osiris. Seine Geschichte — von seinem Bruder Seth getötet, von Isis gesucht und zusammengesetzt, Vater des Horus, der ihn rächt — ist in Ägypten überall vorausgesetzt und nirgends zusammenhängend erzählt; die Pyramidentexte sprechen den toten König durchgehend als „Osiris” an, als wäre die Sache bekannt. Was Seth getan hat, wird dort angedeutet, nicht berichtet. Die geschlossene Erzählung haben erst griechische Autoren aufgeschrieben, als Ägypten schon römische Provinz war.

Was mit einem Toten geschieht, steht im Totenbuch, und zwar als Anleitung. Im 125. Spruch tritt er in die Halle der beiden Wahrheiten, vor Osiris und zweiundvierzig Richter, und sagt, was er nicht getan hat: nicht getötet, nicht gestohlen, nicht gelogen, nicht das Wasser eines anderen abgeleitet, nicht das Getreidemass verfälscht. Dann wird sein Herz gewogen, gegen die Feder der Maat — der Wahrheit, der Ordnung. Ist es leichter oder gleich, geht er hinüber; ist es schwerer, frisst es die Verschlingerin, die neben der Waage wartet.

Das Herz kann dabei gegen seinen Besitzer aussagen. Deshalb legte man den Toten einen Skarabäus aufs Herz mit dem 30. Spruch: „Mein Herz meiner Mutter, tritt nicht gegen mich auf als Zeuge.” Ein Text, der das Gericht bestehen soll, indem er das Beweismittel bittet zu schweigen — und zugleich das älteste Zeugnis dafür, dass jemand sich vorstellte, das eigene Gewissen könne ein Ankläger sein.

Wie sich Ägypter den Tod wünschten, sagt ein Text des Mittleren Reichs, das „Gespräch eines Lebensmüden mit seiner Seele”, das Erman übersetzt hat (S. 129–130): „Der Tod steht heute vor mir, wie wenn ein Kranker gesund wird, wie wenn man nach der Krankheit ausgeht … wie der Geruch der Myrrhen, wie wenn man am windigen Tage unter dem Segel sitzt … wie wenn jemand sein Haus wiederzusehen wünscht, nachdem er viele Jahre in Gefangenschaft verbracht hat”. Das ist nicht Achilleus, der lieber Tagelöhner wäre. Das ist ein Land, das den Tod als Heimkehr denken konnte.

Der König — ein Gott auf Zeit, und Maat als Auftrag

Der Pharao ist kein Mensch, der Priester hat, sondern ein Gott, der ein Amt hat. Lebend ist er Horus, der Sohn, der den Thron des Vaters übernimmt; tot wird er Osiris, der Vater, und sein Nachfolger ist der neue Horus. Die Pyramidentexte, die für genau diesen Übergang geschrieben wurden, lassen den toten König zum Himmel aufsteigen, in der Barke des Re mitfahren, und sie legen ihm die Himmelsschilfe als Fähre hin, damit er zu Re und Harachte gelangt (Sprüche 263–266).

Ein Spruch aus der Pyramide des Unas ist berühmt geworden, weil er so fremd klingt: Der König, heisst es, isst die Götter — er jagt sie, kocht sie und nimmt ihre Kraft in sich auf; „ihre Zauber sind in seinem Leib” (Sprüche 273–274). Man hat das den Kannibalenhymnus genannt. Es ist keine Erinnerung an einen Brauch, sondern eine Theologie der Macht: Wer alle Götter in sich hat, ist grösser als jeder einzelne.

Was der König mit dieser Macht tun soll, hat einen Namen: Maat. Das Wort heisst Wahrheit, Recht und Ordnung zugleich, und es ist auch eine Göttin — dieselbe, gegen deren Feder im Totengericht das Herz gewogen wird. Der König „stellt Maat auf” und „vertreibt Isfet”, das Unrecht; das ist die Formel, mit der Tempel gebaut und Feldzüge begründet wurden. Die Götter halten die Welt in Gang; der König hält sie in Ordnung.

Wem er dabei diente, hat sich über die Jahrhunderte verschoben. Im Alten Reich war es Re von Heliopolis, und der König hiess „Sohn des Re”. Im Neuen Reich war es Amun von Theben, der Verborgene, der als Amun-Re den Sonnengott in sich aufnahm und dessen Tempel in Karnak der grösste des Landes wurde. Ermans Übersetzungen enthalten Hymnen, in denen der König vor Amun so klein wird wie ein Beter — und andere, in denen der Gott dem König seine Siege schenkt. Beides war gleichzeitig wahr.

Und die Lehren, die Väter ihren Söhnen hinterliessen — auch sie stehen bei Erman —, handeln nicht von den Göttern, sondern vom Verhalten: schweige, wenn du wütend bist; nimm nicht vom Armen; sei gerecht beim Messen. Maat war nicht nur die Aufgabe des Königs. Sie war das, was von jedem erwartet wurde, der später vor der Waage stehen würde.

Die Gestalten

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Im Register, ohne eigene Seite

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Quellen

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