
Von Sachmet gibt es in der ägyptischen Literatur, die Erman gesammelt hat, keine Geschichte. Es gibt einen Vergleich, und er kehrt über anderthalb Jahrtausende wieder: der König ist wie Sachmet. Das sagt mehr über die Göttin als ein Mythos. Sie ist das Bild, das die Ägypter griffen, wenn sie das Schrecklichste sagen wollten, das sie kannten.
Ein Jahr der Pest
Sinuhe, der Flüchtling aus der Zeit des Mittleren Reiches, wird in Syrien nach seinem König gefragt und antwortet mit einem Lobgedicht: ein trefflicher Gott, „dessen Furcht durch die Länder hinging, wie die der Sechmet in einem Jahre der Pest” (Erman S. 44). Das ist die älteste Stelle, und sie enthält schon alles: Sachmet ist nicht die Göttin der Krankheit, sie ist die Krankheit — die Seuche, die über das Land geht und vor der man sich fürchtet, wie man sich vor dem Pharao fürchten soll. Wer Sachmet besänftigte, besänftigte das Jahr.
Die Schlacht
Das Neue Reich macht daraus das Bild der Schlacht. In der Erzählung von der Einnahme Joppes schlägt der General den Fürsten der Stadt mit der Keule des Königs nieder — „das ist die Keule des Königs Thutmosis, des grimmigen Löwen, des Sohnes der Sechmet; sein Vater Amon hat ihm seine Kraft gegeben, um die Feinde zu schlagen” (S. 217). Ramses II. zertritt das Land der Hethiter „und macht es zu einem Leichenhaufen gleich der Sechmet, wenn sie grimmig ist nach der Pest” (S. 324). Und in einem Gedicht auf den König rufen die Feinde einander zu: „passt auf! hütet euch! die grosse Sechmet ist mit ihm; sie ist bei ihm auf seinen Pferden und ihre Hand ist mit ihm. Wenn einer an ihn herangeht, so kommt die Feuersglut und verbrennt seine Glieder” (S. 335). Die Löwin auf dem Streitwagen, die Glut, die Glieder verbrennt: Sachmet ist nach dem Register die Tochter des Re, und die Sonnenscheibe auf dem Löwenkopf trägt sie im Bild.
Memphis
Ihr Ort ist Memphis. Erman merkt zu einem Liebeslied an: „Ptah ist der Gott von Memphis; die Kriegsgöttin Sechmet ist die Geliebte des Ptah” (S. 220, Anm.), und ihr Sohn ist Nefertem, der Lotos. Die Dreiheit ist eine der merkwürdigsten in Ägypten: der ruhige Handwerkergott, die tobende Löwin und zwischen ihnen die Blume, aus der die Sonne aufgeht. Was Ptah baut, kann Sachmet niederbrennen. Dass die Ägypter beide zusammen dachten, sagt schon das Liebeslied, in dem der Liebende „überall schön die Götter ihrer Stadt” sieht — und Erman erklären muss, wer sie sind.