
Re ist kein Gott der Sonne. Er ist die Sonne. Sein Name wird mit der Sonnenscheibe geschrieben, und was die Texte über ihn sagen, ist zuerst eine Beschreibung dessen, was man am Himmel sieht: Er geht im Osten auf, er fährt über den Himmel, er geht im Westen unter — und kommt am nächsten Morgen wieder. Die ganze Theologie von Re ist der Versuch, das Wieder zu erklären.
Die Fahrt am Tag und die Fahrt in der Nacht
Re fährt. Nicht auf einem Wagen wie Helios, sondern in einer Barke, wie alles in Ägypten unterwegs war. Am Tag ist es die Tagesbarke, in der Nacht die Nachtbarke, und die Nacht ist der gefährliche Teil: Die Sonne steigt im Westen in die Unterwelt hinab und muss zwölf Stunden lang durch sie hindurch, ehe sie im Osten wieder geboren wird.
Das Amduat, das „Buch von dem, was in der Unterwelt ist”, beschreibt diese zwölf Stunden eine nach der anderen — es wurde im Neuen Reich an die Wände der Königsgräber gemalt. In der siebten Stunde stellt sich Apophis in den Weg, die riesige Schlange, die das Wasser aufsaugt, auf dem die Barke fährt. Sie wird jede Nacht gefesselt und zerschnitten und ist am nächsten Abend wieder da. Dass die Sonne aufgeht, ist in dieser Vorstellung nicht selbstverständlich, sondern ein Sieg, der jede Nacht neu errungen werden muss.
Die Sonnenhymnen des Totenbuchs (Spruch 15) beschreiben dieselbe Fahrt aus der Sicht dessen, der sie mitfahren möchte: Der Tote will in der Barke stehen, die Feinde des Re sehen, wie sie fallen, und mit ihm den Osthimmel erreichen.
„Ich bin Atum”
Re ist zugleich der Ursprung. Die Pyramidentexte — die ältesten religiösen Texte, die wir überhaupt besitzen, aus dem Alten Reich — erzählen, wie Atum auf dem Urhügel in Heliopolis stand, allein, und Schu und Tefnut aus sich hervorbrachte (Spruch 600). Aus diesen beiden kommen Geb und Nut, Erde und Himmel, und aus ihnen Osiris, Isis, Seth und Nephthys: die Neunheit von Heliopolis.
Atum und Re sind in dieser Stadt nicht zwei Götter, sondern zwei Namen. Der Anfang des 17. Spruchs im Totenbuch lässt den Toten es selbst sagen: Ich bin Atum, als ich allein war im Urwasser; ich bin Re bei seinem ersten Aufgang. Wer das spricht, behauptet, am Anfang dabei gewesen zu sein — und damit auch beim nächsten Anfang, dem nächsten Morgen.
Das ist die Denkweise, die einen europäischen Leser am meisten verwirrt: Ein ägyptischer Gott kann drei Gestalten haben, ohne dass eine die richtige ist. Als Chepri ist Re am Morgen der Skarabäus, der die Sonne vor sich herrollt; am Mittag ist er Re; am Abend ist er Atum, der Alte. Und mit dem Falkengott des Horizonts verschmilzt er zu Re-Harachte, mit dem Reichsgott von Theben zu Amun-Re. Das ist keine Verwirrung der Quellen, sondern ihre Methode.
Re und der König
Der Pharao heisst seit dem Alten Reich „Sohn des Re” — es ist einer seiner fünf Titel. In den Pyramidentexten steigt der tote König zum Himmel auf und fährt mit Re in der Barke; die sogenannten Binsenfloss-Sprüche (263–266) beschreiben, wie ihm die Himmelsschilfe als Fähre hingelegt werden, damit er zu Re und Harachte gelangt. Der Sonnengott ist also nicht nur das Licht am Himmel, sondern die Adresse, an die der König nach dem Tod geht.
Echnaton
Im 14. Jahrhundert v. Chr. hat ein König versucht, aus dieser Vielheit eine Einheit zu machen. Echnaton verehrte die sichtbare Sonnenscheibe, Aton, und liess die anderen Götter verdrängen. Sein grosser Sonnenhymnus — Erman hat ihn 1923 übersetzt — beschreibt, wie mit dem Aufgang der Sonne die Erde erwacht, die Vögel fliegen, die Fische springen, und wie mit ihrem Untergang alles in Dunkelheit liegt „wie tot”. Es ist Re-Theologie ohne Barke und ohne Apophis: nur das Licht und das, was es bewirkt. Nach Echnatons Tod kehrten die alten Götter zurück, und Amun-Re blieb bis in die Römerzeit der grösste von ihnen.
Was Wikidata dazu weiss
Die Verwandtschaft unten stammt aus dem Register. Sie ist bei Re dünner als bei Zeus, und das ist kein Zufall: Ägypten hat seine Götter nicht in Stammbäumen geordnet, sondern in Neunheiten, Triaden und Verschmelzungen — und die passen schlecht in die Felder „Vater” und „Kind”.