
Ihr Name ist ein Gebäude: Hut-Hor, „Haus des Horus”. Die Göttin ist das, worin der Himmelsfalke wohnt — der Himmel selbst, gedacht als Kuh, zwischen deren Hörnern die Sonne steht. Auf dem ältesten Denkmal der ägyptischen Geschichte, der Narmer-Palette, blicken vier Kuhköpfe mit menschlichen Gesichtern vom oberen Rand herab; man hält sie für sie. Sie ist so alt wie der Staat.
Freude
Hathor ist die Göttin dessen, was das Leben schön macht: Liebe, Tanz, Musik, Wein, Bier, Schmuck. Ihr Instrument ist das Sistrum, die Rassel mit den Metallstäben, deren Klang sie besänftigt, und ihr Bild trägt man als Griff von Spiegeln — die Göttin, in die man hineinschaut, wenn man sich schön macht. Die Frauen brachten ihr Kinderwünsche, die Männer die Trunkenheit an ihrem Fest. Sie ist die „Herrin des Westens”, die die Toten am Wüstenrand empfängt, und die „Herrin von Byblos” und der Türkisminen des Sinai — die Göttin, die man mitnahm, wenn man Ägypten verliess.
Herodot sah die Kühe, die ihr galten: Die Ägypter hielten Kühe für heilig, opferten sie nie und begruben sie im Wasser; und Isis, sagt er, werde als Frau mit Kuhhörnern dargestellt, „wie die Griechen die Io malen” (Historien 2,41). Er verwechselt Hathor mit Isis, aber die Verwechslung ist ägyptisch: Isis hat in späterer Zeit Hathors Hörner und Sonnenscheibe übernommen, und die beiden sind auf den Bildern kaum zu trennen. Plutarch kennt den Monat, der nach ihr heisst, Athyr, in dem Osiris starb, und die Kuh, die man dann herumträgt (Über Isis und Osiris, 56).
Das Auge
Und dieselbe Göttin hätte die Menschen ausgerottet. In der Erzählung von der Errettung der Menschen, die Erman übersetzt hat, schickt der alte Re sein Auge gegen die Menschen, die gegen ihn geredet haben: „es möge als Hathor herabsteigen”. Und Hathor geht, „tötete Menschen in der Wüste” und kehrt zurück mit dem Satz: „Bei deinem Leben, ich habe mich der Menschen bemächtigt, und das ist mir angenehm” (S. 78). Aus der Freude am Töten wird Sachmet, „die Mächtige”, die Löwin. Re lässt siebentausend Krüge Bier mit rotem Ocker färben und über die Felder giessen; am Morgen sieht die Göttin ihr Spiegelbild im Blut, das keines ist, trinkt und wird trunken (S. 79).
Deshalb trinkt man an ihrem Fest. Die Göttin der Freude und die Göttin des Gemetzels sind nicht zwei — sie sind die Kuh und die Löwin, die Hathor und die Sachmet, die man besänftigen muss, damit sie die eine bleibt und nicht die andere wird. Das Sistrum, das Bier und der Tanz sind keine Vergnügungen. Sie sind Vorsichtsmassnahmen.
Dendera
Ihr Tempel in Dendera steht noch, ptolemäisch gebaut, mit Säulen, die ihr Gesicht mit den Kuhohren tragen, und einer Decke, auf der der Himmel als Tierkreis abgebildet ist — der einzige runde Tierkreis Ägyptens, heute im Louvre. Einmal im Jahr fuhr ihr Bild von dort flussaufwärts nach Edfu zu Horus, und die beiden feierten Hochzeit; das Haus des Horus kam zu ihrem Bewohner. Es war das grösste Fest Oberägyptens, und niemand fand, dass die Göttin des Rausches und die Löwin, die Menschen frass, verschiedene Gottheiten sein müssten.