
Seth hat einen Kopf, den niemand einem Tier zuordnen kann: lange, eckig abgeschnittene Ohren, eine gebogene Schnauze, ein aufrechter Schwanz. Die Ägypter haben ihn so gezeichnet, dreitausend Jahre lang, und kein Fund hat das Tier gezeigt. Es ist das Bild dessen, was nicht in die Ordnung gehört — und Seth ist der Gott dessen, was nicht in die Ordnung gehört: die Wüste, der Sturm, das Ausland, der Bruder, der den Bruder erschlägt.
Der Mörder
In der Osirissage ist er der Gegner. Erman fasst zusammen: „Sein Bruder, der Gott Seth, ermordete ihn und warf seine Leiche ins Wasser” (S. 187) — und das grosse Osirislied, das dieselbe Sage preist, nennt ihn nicht beim Namen, sondern spricht vom „Gegner” und vom „Feind”, den Osiris niederwarf. Die ägyptischen Texte umgehen Seths Tat, als könnte das Aussprechen sie wiederholen; Plutarch, der Grieche, erzählt sie mit allen Einzelheiten — der Kasten, die zweiundsiebzig Mitverschworenen, die vierzehn Stücke — und nennt ihn Typhon (Über Isis und Osiris, 13–18). Vor dem Gericht der Götter ficht Seth die Rechtmässigkeit des Horus an und verliert (Erman, S. 187).
Plutarch deutet ihn dann, wie ein Grieche deutet: Typhon sei „alles Trockene, Feurige, Austrocknende”, das Meer, in dem der Nil sich verliert, die Wüste, die das Fruchtland bedrängt; seine Farbe sei rot, sein Tier der Esel, und die Ägypter würfen an seinen Festen Esel von Felsen (30–33). Das ist Deutung, aber sie trifft etwas: Seth ist rot wie die Wüste, die deschret, gegen das schwarze Land, die kemet.
Der Verehrte
Und trotzdem hatte er Tempel. Das ist die Seite, die man ohne Ägypten nicht versteht: Der Gott, der Osiris getötet hat, steht in der Barke des Re am Bug und ist der Einzige, der die Schlange Apophis mit dem Speer abwehrt — der Kraft der Unordnung wird die Unordnung selbst entgegengestellt. Und die Hyksos, die Fremdherrscher aus dem Osten, wählten ihn zum Reichsgott: Erman übersetzt den Anfang einer Erzählung, in der König Apophis in Auaris „sich den Sutech zum Herrn nahm” und „keinem anderen Gott im ganzen Lande diente” (S. 214–215). Der Gott des Fremden war der Gott der Fremden — und die Ramessiden, die Ägypten danach wieder gross machten, nannten ihre Könige trotzdem Sethos, „der dem Seth gehört”. Ein Herrscherhaus, das den Mörder des Osiris im Namen trug.
Der Verfluchte
Erst spät, im ersten Jahrtausend, wurde er ganz zum Feind. Als Ägypten von Assyrern, Persern und Griechen beherrscht wurde, wurde der Gott des Auslands zum Gott der Eroberer, und man tilgte seinen Namen von den Denkmälern, wie man einst Amuns Namen getilgt hatte. Plutarch hat Ägypten in dieser Zeit gekannt; sein Typhon ist das Ergebnis. Dass derselbe Gott tausend Jahre zuvor die Barke der Sonne verteidigte, steht bei ihm nicht mehr — und genau das ist der Grund, warum diese Seite nicht bei Plutarch anfängt.