
Wer in Ägypten einen Friedhof am Wüstenrand ansah, sah Schakale. Sie kamen nachts, gruben, frassen. Der Gott, der aus diesem Anblick wurde, ist der Schakal, der nicht frisst: Anubis liegt auf dem Grab wie ein Wächter, und sein schwarzes Fell ist nicht die Farbe des Tieres, sondern die Farbe des fruchtbaren Schlamms und der einbalsamierten Haut — die Farbe dessen, was wiederkommt.
Der Balsamierer
Anubis ist der Gott, der die Hände an die Toten legt. In den Bildern der Gräber steht ein Priester mit Schakalmaske über der Mumie; er ist Anubis, der den Leib mit Binden umwickelt und ihn „zum Osiris macht”. Und im Bildfeld des 125. Spruchs im Totenbuch führt er den Toten an der Hand in die Halle der beiden Wahrheiten, stellt das Herz auf die Waage und prüft das Zünglein, während Thot das Ergebnis schreibt. Anubis ist nicht der Richter — das ist Osiris — und nicht der Schreiber, sondern der, der die Waage bedient: der Handwerker des Totengerichts.
Plutarch weiss, warum der Hund dazu taugt: Er sehe bei Tag und bei Nacht gleich gut, deshalb sei Anubis der Wächter der Götter, wie die Hunde die Wächter der Menschen (Über Isis und Osiris, 44). Und er kennt seine Herkunft in der Sage: Osiris habe sich in der Nacht mit Nephthys verwechselt, die Nephthys habe das Kind aus Angst vor Typhon ausgesetzt, und Isis habe es gesucht, gefunden und aufgezogen — „und er wurde ihr Wächter und Begleiter, und man nennt ihn Anubis” (14). Der Totengott als Findelkind der Isis: So haben die Ägypter erklärt, warum ein Gott, der älter war als Osiris, in dessen Familie gehört.
Der ältere Bruder
Denn er ist älter. Erman nennt ihn „den alten schakalgestaltigen Totengott” (S. 197); in den Gräbern des Alten Reichs sind es Anubis’ Sprüche, die dem Toten Brot und Bier sichern, lange bevor Osiris jedermanns Gott wurde. Osiris hat ihn dann beerbt, und Anubis wurde vom Herrn der Toten zu ihrem Diener.
Das Märchen von den zwei Brüdern, das ein Schreiber namens Ennana um 1220 v. Chr. abschrieb, kennt ihn noch als Menschen — oder als das, was von einem Gott bleibt, wenn man ihn ins Menschliche übersetzt: „Man sagt, es seien einmal zwei Brüder gewesen von einer Mutter und einem Vater; Anubis hiess der ältere und Bata hiess der jüngere. Anubis aber, der hatte ein Haus und hatte eine Frau, während sein jüngerer Bruder bei ihm wie ein Sohn lebte” (Erman, S. 198). Was folgt, ist die Geschichte von Potiphars Frau, zweihundert Jahre vor der Bibel: Die Frau des Anubis will den jüngeren Bruder verführen, er weigert sich, sie beschuldigt ihn, Anubis will ihn töten. Erman merkt an, dass beide Namen Götter sind, die man in der Stadt Saka nebeneinander verehrte, und dass der Schreiber es noch wusste — er setzte den Namen das Zeichen für göttliche Wesen hinzu (S. 197). Das älteste Märchen der Welt handelt vom Totengott, und es macht ihn zu einem Bauern mit einer treulosen Frau.