
Osiris ist der Gott, dessen Geschichte jeder Ägypter kannte und keiner aufgeschrieben hat. Die Pyramidentexte setzen sie voraus, wenn sie den toten König als „Osiris” anreden; die Totenbuch-Sprüche setzen sie voraus, wenn sie den Toten vor Osiris als Richter stellen; die Hymnen setzen sie voraus, wenn sie ihn preisen. Erzählt hat sie, zusammenhängend, erst Plutarch — ein Grieche, der um 100 n. Chr. schrieb, und der selbst hinzufügt, man solle das nicht so verstehen, als sei es wirklich so geschehen (Über Isis und Osiris, 20).
Was das Lied sagt
Ein Grabstein der 18. Dynastie, heute in Paris, trägt das längste Osiris-Lied, das wir haben, und Erman hat es übersetzt. Es beginnt als Aufzählung — „Herr der Ewigkeit, König der Götter, mit vielen Namen und herrlichem Wesen, mit geheimnisvollen Gebräuchen in den Tempeln” — und zählt Stadt um Stadt auf, in der man ihn verehrt: Busiris, Letopolis, Heliopolis, Memphis, Herakleopolis, Hermopolis, Abydos (Erman, S. 187–188). Dann wird es zur Erzählung: Osiris, „gelobt von seinem Vater Geb und von seiner Mutter Nut geliebt”, hat das Recht durch beide Ufer gefestigt, den Gegner niedergeworfen, „den Sohn auf den Sitz seines Vaters gesetzt” (S. 189). Isis hat ihn gesucht, ihm „Luft zugefächelt” und Horus empfangen; Horus wurde im Verborgenen aufgezogen, vor das Gericht der Götter geführt, und die Götter gaben ihm das Reich (Ermans Zusammenfassung, S. 187).
Was auffällt: Der Mord fehlt. Das Lied sagt „der Gegner”, „der Feind”, und nennt Seth nicht beim Namen; es sagt „Osiris herrscht als König der Toten” und nicht, wie er starb. Ägyptische Texte umgehen die Tat, als könne das Aussprechen sie wiederholen.
Was Plutarch sagt
Bei Plutarch bekommt sie Umrisse. Osiris regiert Ägypten, lehrt die Menschen Ackerbau und Gesetze und zieht aus, die Welt zu zivilisieren. Sein Bruder Typhon — so nennt Plutarch Seth — verschwört sich mit zweiundsiebzig Mitwissern, lässt einen kostbaren Kasten nach Osiris’ Mass anfertigen, verspricht ihn beim Gastmahl dem, der hineinpasst, schliesst den Deckel über Osiris und wirft den Kasten in den Nil. Isis sucht; der Kasten treibt nach Byblos und wächst in einen Baum ein; sie holt ihn zurück; Typhon findet den Leib und zerteilt ihn in vierzehn Stücke; Isis sammelt sie und begräbt jedes dort, wo sie es findet — deshalb hat Osiris so viele Gräber in Ägypten (12–19). Horus besiegt Typhon danach in einem Kampf, den die Götter entscheiden.
Das ist die Geschichte, die Europa kennt. Sie ist griechisch erzählt, spät, und mit Plutarchs eigener Deutung durchsetzt. Aber die Züge — Kasten, Suche, Stücke, viele Gräber — passen zu dem, was die ägyptischen Texte andeuten, und niemand hat etwas Älteres.
Was Osiris für die Toten ist
Der Grund, warum diese Geschichte alles überdauert hat, steht in den Gräbern. Der König der 5. Dynastie wird in seiner Pyramide als „Osiris Unas” angesprochen — er ist nicht bei Osiris, er ist Osiris, der gestorben ist und weiterlebt (Pyramidentexte, Spruch 219 und durchgehend). Tausend Jahre später darf das jeder, der sich ein Totenbuch leisten kann: Er tritt vor Osiris in die Halle der beiden Wahrheiten (Spruch 125), besteht das Gericht und wird selbst zum „Osiris N.“. Der ermordete Gott ist die Zusage, dass der Tod nicht das Ende ist — weil er ihn selbst überstanden hat. Erman nennt ihn deshalb den „volkstümlichsten aller Götter” (S. 187), und das Wort ist genau: Osiris gehörte nicht dem Tempel, sondern jedem.