
Thot ist der Gott, der aufschreibt. Wenn im Totengericht das Herz gewogen ist, steht er mit Palette und Binse daneben und hält das Ergebnis fest; ohne seinen Eintrag gilt es nicht. Er ist der Ibis, der mit dem gebogenen Schnabel im Schlamm stochert wie eine Binse auf dem Papyrus, und er ist der Pavian, der bei Sonnenaufgang schreit, als begrüsse er das Licht. Beide Tiere schreiben nicht, aber beide sehen aus, als dächten sie nach.
Der Gott der Schreiber
Was er den Menschen war, sagen zwei Gebete, die ein Schüler der 19. Dynastie in sein Übungsheft schrieb und die Erman übersetzt hat: „Komm zu mir, Thoth, du herrlicher Ibis, du Gott, nach dem Hermopolis sich sehnt. Du Briefschreiber der neun Götter, Grosser, der in Unu ist. Komm zu mir, dass du mich leitest, dass du mich geschickt sein lassest in deinem Amte. Dein Amt ist schöner als alle Ämter, es macht die Menschen gross” (S. 377). Und: „O Thoth, setze mich nach Hermopolis, in deine Stadt, wo man angenehm lebt! Du gibst mir, was ich brauche an Brot und Bier, und du behütest meinen Mund beim Reden” (S. 377).
Das ist kein Gebet um Weisheit, sondern um Karriere. Der Schreiber war in Ägypten der einzige Mensch, der nicht mit den Händen arbeiten musste — die Schulen sagten es den Kindern jeden Tag, und Erman hat die Mahnungen übersetzt: Werde nicht Bauer, nicht Soldat, nicht Bäcker; werde Schreiber (S. 242–251). Thot ist der Gott dieser Laufbahn. Sein Amt „macht die Menschen gross”, und wer es kann, „wird ein Grosser”. Der Gott des Wissens war zuerst der Gott derer, die davon lebten.
Der Rechner
Thot zählt. Er ist der Mond, der die Monate misst, und der Gott des Kalenders — Plutarch erzählt, Hermes, wie die Griechen ihn nannten, habe mit der Mondgöttin Brettspiel gespielt, ihr den siebzigsten Teil jedes Tages abgewonnen und daraus die fünf Tage zusammengesetzt, die über die zwölf Monate hinausgehen; an ihnen wurden Osiris, Horus, Typhon, Isis und Nephthys geboren (Über Isis und Osiris, 12). Das ägyptische Jahr hatte 360 Tage und fünf dazu, und die fünf hat Thot beim Spiel gewonnen. Es ist die einzige Stelle, an der ein ägyptischer Gott etwas gewinnt, ohne zu kämpfen.
Er ist auch der Heiler, der das Auge des Horus wieder ganz macht, nachdem Seth es verletzt hat — Plutarch weiss davon (55) —, und deshalb steht sein Name auf den Rezepten der Ärzte: Der Gott, der schreibt, ist der Gott, der weiss, was zu tun ist.
Hermopolis
Seine Stadt hiess bei den Ägyptern Chemenu, „die Achtstadt”, nach acht Urgöttern, die dort vor der Schöpfung im Wasser lagen; die Griechen nannten sie Hermopolis, weil sie in Thot ihren Hermes erkannten — den Boten, den Erfinder der Schrift, den Gott der Rede. Aus dieser Gleichsetzung wurde in der Spätantike Hermes Trismegistos, der „dreimalgrösste”, dem man die Geheimlehren zuschrieb, die Europa bis in die Renaissance als ägyptische Weisheit las. Unten steht, was Wikidata über die Gleichsetzung führt; die Bibliothek, die man ihm zuschrieb, ist griechisch, aber der Ibis am Anfang ist echt.