
Amun heisst „der Verborgene”, und er hat sich an seinen Namen gehalten: Über seine Anfänge weiss man wenig. Erman fasst zusammen, was sich sagen lässt — er war „ursprünglich nur eine andere Form” des Fruchtbarkeitsgottes Min, den man in Koptos verehrte, und ein Lokalgott von Theben, einer Stadt, die im Alten Reich nichts bedeutete (Erman, S. 351).
Der Aufstieg
Dann wurde Theben Hauptstadt, zweimal: im Mittleren Reich und nach der Vertreibung der Hyksos in der 18. Dynastie. Und mit der Stadt stieg ihr Gott. Amun wurde dem Sonnengott gleichgesetzt und hiess seither Amun-Re — „und im ganzen ist Amon Re eigentlich nichts weiter als der alte grosse Sonnengott, der Re, der Harachti, der Atum, der Chepre”, sagt Erman; alles, was Re an Schiffen, Namen und Kronen besitzt, gebührt auch ihm (S. 351). Sein Tempel in Karnak wurde über Jahrhunderte zum grössten Ägyptens; jeder König baute daran weiter.
Der grosse Amunshymnus auf einem Papyrus in Kairo, aus der Zeit um Amenophis II., preist ihn mit der ganzen alten Titelreihe — „Verehrung des Amon Re, des Stieres zu Heliopolis, des Oberhaupts aller Götter, des guten Gottes, des Geliebten, der zu leben gibt allem Warmen und jeder guten Herde” (S. 351) — und Erman merkt an, das Lied sei zum guten Teil aus älteren Sonnenliedern zusammengebaut, die man dem neuen Gott angepasst habe. So entstehen Reichsgötter: nicht durch Offenbarung, sondern durch Übernahme.
Der Gott der kleinen Leute
Was Amun von Re unterscheidet, ist nicht seine Theologie, sondern sein Ton. Aus dem Neuen Reich sind Gebete erhalten, die niemand sonst bekam — Erman hat sie unter „Aus den Gebeten eines ungerecht Verfolgten” und „Kleinere Lieder und Gebete” übersetzt (S. 373–381). Ein Mann, den ein Mächtiger „tückisch um sein Amt gebracht hat”, ruft Amun als den „gerechten Richter, der keine Bestechung annimmt”: „dem Dürftigen stehst du bei, aber dem Mächtigen reichst du nicht die Hand” (S. 373). Und ein anderes Gebet nennt ihn „Vezier für den Armen — er nimmt nicht ungerechten Lohn und redet nicht zu dem, der Zeugnis bringt”; Amun „richtet die Erde mit seinem Finger und redet zu dem Herzen” (S. 380). Der Reichsgott, dem die Könige Obelisken stellten, war zugleich der, an den man sich wandte, wenn man keinen anderen hatte. Erman hebt das eigens hervor: Die „Milde und Güte des Gottes” betone das Lied „mit Vorliebe, geradeso wie das auch andere Dichtungen des neuen Reiches tun” (S. 351).
Amarna und danach
Einmal wurde er abgeschafft. Echnaton liess den Namen des Amun aus den Inschriften meisseln und verehrte allein die Sonnenscheibe; nach seinem Tod kehrte Amun zurück, und die Priester von Karnak wurden so mächtig, dass sie am Ende des Neuen Reiches selbst in Theben regierten. Die blaue Haut, mit der man ihn seither malte, ist die Farbe des Himmels und des Lapislazuli — die Farbe dessen, was verborgen ist und trotzdem über allem steht.
Die Griechen fanden ihn in der Oase Siwa, wo sein Orakel Alexander als Sohn empfing, und nannten ihn Ammon, mit Zeus gleichgesetzt; Wikidata führt ihn deshalb in zwei Welten und mit Zeus als Gegenstück. Der Verborgene ist der ägyptische Gott, der am weitesten nach Westen kam.