
Der Name ist älter als Griechenland. Die Sprachwissenschaft führt Zeús auf ein indogermanisches Wort für den hellen Taghimmel zurück, dasselbe, aus dem der lateinische Iuppiter und der altindische Dyaus stammen. Zeus ist also zuerst kein Herrscher, sondern das Licht über allem — und das bleibt sichtbar: Wo bei Homer das Wetter umschlägt, „regnet Zeus”, „donnert Zeus”.
Geburt: der Stein statt des Kindes
Hesiod erzählt es in der Theogonie, dem ältesten zusammenhängenden Text über die Götter, den wir haben. Kronos, der Sohn des Uranos, hat von seinen Eltern erfahren, dass ihn eines seiner Kinder stürzen wird. Er verschlingt sie deshalb, sobald Rhea sie geboren hat: Hestia, Demeter, Hera, Hades, Poseidon. Beim sechsten Kind flieht Rhea nach Kreta und legt Kronos an Stelle des Säuglings einen Stein in Windeln in die Hände — er schluckt ihn, ohne es zu merken (Theogonie 453–491).
Zeus wächst auf Kreta heran. Als er stark genug ist, zwingt er Kronos, die Geschwister wieder herauszugeben, und zwar in umgekehrter Reihenfolge: zuerst den Stein. Hesiod sagt, wo dieser Stein danach lag — in Pytho, dem späteren Delphi, „als Zeichen und Wunder für die Sterblichen” (Theogonie 492–506). Die Geschichte behauptet damit etwas Nachprüfbares: Man konnte hingehen und ihn anschauen.
Der Krieg, der zehn Jahre dauert
Der Kampf gegen Kronos und die Titanen füllt bei Hesiod die längste Passage des Gedichts. Zehn Jahre stehen die Parteien gegeneinander, ohne dass sich etwas entscheidet; erst als Zeus auf Rat der Gaia die Hundertarmigen aus dem Tartaros befreit, kippt es. Zeus selbst greift dann mit dem Blitz ein — Hesiod beschreibt, wie die Erde brennt, das Meer kocht und der Himmel selbst zu zittern scheint. Die Titanen werden in den Tartaros gestossen und dort hinter ehernen Toren eingeschlossen (Theogonie 617–735).
Dass Zeus danach gewählt wird, ist ein Detail, das oft überlesen wird: Die Götter fordern ihn auf Rat der Gaia auf, König zu sein, und er verteilt dann die Ehren unter ihnen (Theogonie 881–885). Bei Homer klingt die Teilung anders und älter: Die drei Brüder haben gelost — Zeus bekam den Himmel, Poseidon das Meer, Hades die Unterwelt, die Erde und der Olymp gehören allen gemeinsam (Ilias 15,187–193). Zwei Fassungen, beide alt; keine ist die richtige.
Ehen, Kinder, und was daraus wird
Hesiod zählt die Frauen des Zeus in der Reihenfolge auf, in der sie zu Müttern werden: zuerst Metis, die Klugheit — die er verschlingt, als sie mit Athena schwanger ist, weil auch ihm ein Sohn geweissagt ist, der ihn stürzen würde. Athena kommt deshalb aus seinem Kopf. Dann Themis, die ihm die Horen und die Moiren gebiert; Eurynome die Chariten; Demeter Persephone; Mnemosyne die neun Musen; Leto Apollon und Artemis. Als letzte nennt Hesiod Hera, die Ehefrau, Mutter von Hebe, Ares und Eileithyia (Theogonie 886–929).
Wer die Liste unten liest, die aus Wikidata stammt, wird viel mehr Namen finden als bei Hesiod — die späteren Dichter, die Lokalsagen und die Genealogien der Adelshäuser haben Zeus noch Jahrhunderte lang Kinder zugeschrieben. Die Zahl dort misst, was eingetragen ist; Hesiods Liste misst, was um 700 v. Chr. als Kanon galt.
Das Nicken
Die berühmteste Stelle über Zeus ist eine Geste. Thetis bittet ihn, ihrem Sohn Achilleus Recht zu verschaffen. Zeus zögert, dann nickt er mit den dunklen Brauen, das Haar fällt ihm nach vorn, und der grosse Olymp erbebt (Ilias 1,528–530). Kein Wort, kein Blitz — die Zusage eines Gottes, der nichts zurücknehmen kann, sitzt in einem Kopfnicken. Pausanias berichtet, Phidias habe für seine Zeus-Statue in Olympia genau diese Verse als Vorlage genannt (Pausanias 5,11).
An anderer Stelle macht Zeus seinen Vorrang zur Rechenaufgabe: Hängt eine goldene Kette vom Himmel, und alle Götter und Göttinnen ziehen daran, so bringen sie ihn nicht herunter — er aber könnte sie samt Erde und Meer heraufziehen und die Kette um den Gipfel des Olymp schlingen (Ilias 8,17–27).
Zeus und die Menschen
Zwei Seiten hat dieser Gott den Menschen gegenüber. Die eine ist der Schutz des Rechts: Zeus Xénios wacht über Gastfreundschaft und Fremde. Odysseus beruft sich in der Höhle des Polyphem darauf — „Zeus rächt die Schutzflehenden und die Fremden” (Odyssee 9,270–271) —, und der Kyklop antwortet, er kümmere sich nicht um Zeus. Was danach passiert, ist der Rest der Geschichte.
Die andere Seite ist die Strenge. Als Prometheus ihn beim Opfer in Mekone überlistet und den Menschen das Feuer bringt, antwortet Zeus mit der ersten Frau — Hesiod beschreibt sie in der Theogonie als „schönes Übel” und gibt ihr in den Werken und Tagen den Namen Pandora. Sie ist keine Strafe für Prometheus, sondern für die Menschen, die ohne sie im Unrecht profitiert hätten (Theogonie 535–616).
Wo man ihn verehrte
Das älteste Orakel des Zeus lag in Dodona in Epirus. Achilleus ruft ihn dort an als „Zeus von Dodona, pelasgischer, fern wohnender”, dessen Priester mit ungewaschenen Füssen auf der Erde schlafen (Ilias 16,233–235) — ein Hinweis darauf, wie alt und fremd dieser Kult den Griechen der Ilias selbst schon vorkam.
Das berühmteste Bild stand in Olympia: Phidias’ sitzender Zeus aus Gold und Elfenbein, mit einer Nike in der rechten und einem Zepter in der linken Hand. Pausanias hat ihn im 2. Jahrhundert n. Chr. noch gesehen und beschreibt Thron, Schemel und Bilder Fuss für Fuss (Pausanias 5,11). Die Statue ist verloren; seine Beschreibung ist, was bleibt.
Und Rom
Die Römer haben Zeus nicht übernommen — sie hatten Iuppiter schon, mit demselben Namen aus derselben Wurzel. Was sie übernahmen, waren die Geschichten: Geburt, Titanenkampf, Ehen. Wo Wikidata die beiden gleichsetzt, steht es unten unter „Gilt als dasselbe wie”, und dorthin führt auch der Wochentag.