
Dionysos ist der Gott, der von aussen kommt — auch dort, wo er schon lange war. In Euripides’ Bakchen tritt er als Erster auf und sagt es selbst: Er sei aus Lydien und Phrygien gekommen, habe Asien mit seinen Tänzen gefüllt und sei nun in Theben, seiner Geburtsstadt, wo man ihn nicht anerkenne (Bakchen 1–63). Seine Mutter Semele, die Tochter des Kadmos, war eine Sterbliche; Zeus kam zu ihr, und sie verbrannte in seinem Blitz, „und aus einer Sterblichen gebar sie einen unsterblichen Sohn — nun sind beide Götter” (Theogonie 940–942). Zeus nähte das ungeborene Kind in seinen Schenkel und gebar es ein zweites Mal. Zweimal geboren, halb sterblich, aus dem Osten zurück: Das ist der Gott, den die Griechen nie ganz für ihren hielten.
Die Seeräuber
Der schönste Text über ihn ist der kürzeste. Tyrrhenische Piraten sehen einen jungen Mann am Strand, dunkles Haar, purpurner Mantel, und halten ihn für einen Königssohn; sie schleppen ihn aufs Schiff. Die Fesseln fallen ab. Der Steuermann warnt — das sei ein Gott —, der Kapitän lacht. Dann fliesst Wein über das Deck, ein Weinstock wächst am Segel hinauf, Efeu um den Mast, und der Gefangene wird ein Löwe; die Piraten springen ins Meer und werden Delphine, nur der Steuermann bleibt verschont (Hymnus 7). Der Gott zwingt niemanden. Er wartet, bis man ihn verkennt, und dann ist es zu spät.
Der Zerrissene
Was er anrichtet, wenn eine Stadt ihn ablehnt, ist die Handlung der Bakchen. Pentheus, der König von Theben, verbietet den Kult; die Frauen der Stadt, seine Mutter Agaue darunter, sind längst in den Bergen und feiern. Dionysos überredet Pentheus, sich als Frau zu verkleiden und zuzuschauen, setzt ihn auf eine Tanne — und die Frauen reissen den Baum um und ihn in Stücke, seine Mutter voran, die den Kopf des Sohnes für den eines Löwen hält und ihn im Triumph in die Stadt trägt (1043–1152). Kein anderer griechischer Gott bestraft so. Ares tötet im Kampf, Apollon mit dem Pfeil; Dionysos lässt die Mutter es tun und lässt sie es erst danach sehen.
Homer kennt die Struktur schon: Lykurgos, der thrakische König, verfolgte die Ammen des Dionysos, und der Gott floh ins Meer zu Thetis; Zeus schlug Lykurgos mit Blindheit, „und er lebte nicht mehr lange, denn alle Götter hassten ihn” (Ilias 6,130–140). Wer den Gott abweist, verliert den Verstand, nicht das Leben — und dann das Leben.
Osiris
Herodot war überzeugt, Dionysos sei Osiris. Er beschreibt das Fest, an dem die Ägypter Bilder mit beweglichem Glied herumtragen, vergleicht es mit den griechischen Phallosprozessionen und erklärt, der Seher Melampus habe den Kult aus Ägypten nach Griechenland gebracht (Historien 2,48–49). Die Gleichsetzung ist alt und nicht dumm: Beide sind Götter, die sterben und wiederkommen, beide gehören zur Vegetation, beide haben ein Fest mit Wein und Rausch. Wikidata führt sie unten als Gegenstücke, und die Griechen wären einverstanden gewesen.
Und ein Fund am Rand: Wikidata führt Dionysos nicht unter der Klasse „griechische Gottheit”. Der Gott, der von aussen kommt, stand auch in diesem Register zuerst nicht drin.