sagenwelt

Welten

Griechenland

Die Welt, aus der die meisten Wörter stammen, mit denen man über Mythen überhaupt spricht — „Mythos", „Pantheon", „Chaos". Zugleich die mit den ältesten zusammenhängend erhaltenen Texten Europas (Homer, Hesiod) und der Massstab, an dem das Muster der Fläche zuerst geprüft wird.

Woher wir es wissen

Der Parthenon auf der Akropolis von Athen
Der Parthenon auf der Akropolis von AthenSteve Swayne · CC BY 2.0 · Wikimedia Commons

Die griechische Überlieferung hat kein heiliges Buch. Sie hat Dichter. Herodot sagt es im 5. Jahrhundert v. Chr. mit einer Nüchternheit, die überrascht: Es seien Homer und Hesiod gewesen, die den Griechen ihre Götter „gemacht” hätten — die ihnen Namen, Ehren, Zuständigkeiten und Gestalt gegeben hätten —, und das sei, nach seiner Rechnung, kaum vierhundert Jahre her (Historien 2,53).

Das ist der Zuschnitt dieser Welt. Was hier über Götter, Anfang, Totenreich und Kult steht, kommt aus diesen beiden Dichtern zuerst und aus den späteren — Tragikern, Reisebeschreibern, Lokalhistorikern — danach. Die Ilias und die Odyssee werden ins 8. Jahrhundert v. Chr. gesetzt, Hesiods Theogonie wenig später. Alles, was wir „griechische Mythologie” nennen, ist also eine Literatur, keine Lehre: Es gibt Fassungen, die sich widersprechen, und niemanden, der entschieden hätte, welche gilt.

Das ist keine Schwäche der Quellen, sondern ihre Eigenart, und diese Seite hält sich daran. Wo Hesiod etwas anders erzählt als Homer, stehen beide da, mit Stelle. Wo eine Geschichte erst bei einem römischen Dichter des 1. Jahrhunderts auftaucht, steht das dabei.

Unten auf dieser Seite stehen alle Gestalten, die Wikidata dieser Welt zuordnet — die wenigen, die eine geschriebene Seite haben, und die vielen, die keine haben. Die Zahl sagt nichts über Bedeutung. Sie sagt, wie viel eingetragen ist.

Der Anfang — eine Welt, die wird, statt gemacht zu werden

Hesiod beginnt nicht mit einem Schöpfer. Er beginnt mit einem Verb: „Zuerst entstand das Chaos” — die gähnende Leere —, „dann Gaia”, die Erde, „der dunkle Tartaros” in ihrer Tiefe und „Eros, der schönste unter den unsterblichen Göttern” (Theogonie 116–122). Niemand macht diese Dinge. Sie werden. Und Eros steht so früh, weil ohne ihn nichts Weiteres würde: Alles, was danach kommt, wird gezeugt und geboren.

Gaia bringt aus sich selbst Uranos hervor, den Himmel, „damit er sie ganz bedecke”, dazu die Berge und das Meer. Mit Uranos zeugt sie die Titanen — Okeanos, Koios, Kreios, Hyperion, Iapetos, Theia, Rhea, Themis, Mnemosyne, Phoibe, Tethys und, als jüngsten, Kronos — sowie die Kyklopen und die drei Hundertarmigen (Theogonie 126–153).

Uranos hasst seine Kinder und lässt sie nicht ans Licht. Gaia schmiedet eine Sichel und fragt, wer sich traut; Kronos tut es und entmannt den Vater. Aus den Tropfen, die auf die Erde fallen, entstehen die Erinnyen und die Giganten; aus dem, was ins Meer fällt, bildet sich Schaum, und aus dem Schaum steigt bei Zypern Aphrodite (Theogonie 154–206).

Dass Homer es anders weiss, gehört dazu. In der Ilias nennt Hera den Okeanos den „Ursprung der Götter” und Tethys ihre Mutter (Ilias 14,200–201) — der Anfang der Welt ist bei ihm ein Fluss, nicht eine Leere. Beide Fassungen sind alt; keine hat die andere verdrängt.

Hesiods Geschichte geht weiter mit Kronos, der seine Kinder verschlingt, und mit Zeus, der ihn stürzt — sie steht auf der Seite des Zeus. Danach bleibt ein letzter Gegner: Typhoeus, das hundertköpfige Ungeheuer, das Gaia nach dem Titanenkampf gebiert. Zeus verbrennt es mit dem Blitz und wirft es in den Tartaros; von ihm stammen die schlimmen Winde (Theogonie 820–880). Erst danach ist die Ordnung, von der die übrigen Abschnitte handeln, wirklich da.

Der Olymp — die Götter, die nicht sterben und nicht bluten

Hera — römische Kopie einer griechischen Statue, Louvre
Hera — römische Kopie einer griechischen Statue, LouvreMarie-Lan Nguyen · Public domain · Wikimedia Commons

Der Olymp ist ein Berg in Thessalien, und er ist keiner. Homer beschreibt den Wohnsitz der Götter in der Odyssee als Ort, „der nie von Winden erschüttert wird, nie vom Regen genässt, nie von Schnee berührt, sondern wolkenlos liegt ein heiterer Äther darüber, und ein weisser Glanz zieht darüber hin” (Odyssee 6,42–46). Das ist der Gipfel eines Berges und zugleich ein Himmel — die Griechen haben die beiden nie sauber getrennt.

Dort wohnen die Götter, die man später die Zwölf nennt: Zeus, Hera, Poseidon, Demeter, Athena, Apollon, Artemis, Ares, Aphrodite, Hephaistos, Hermes und — je nach Ort — Hestia oder Dionysos. Die Zahl zwölf steht nicht bei Homer; sie ist eine Ordnung, die Städte und Kulte später über die Dichtung gelegt haben.

Was die Olympier von Menschen unterscheidet, sagt Homer an einer Stelle mit einem einzigen Wort. Als Diomedes vor Troja Aphrodite verwundet, fliesst „Ichor, wie er den seligen Göttern fliesst; denn sie essen kein Brot und trinken keinen funkelnden Wein, darum sind sie blutlos und heissen unsterblich” (Ilias 5,339–342). Unsterblichkeit ist bei Homer eine Frage der Ernährung: Nektar und Ambrosia statt Brot und Wein.

Und sie sind nicht erhaben. Am Ende des ersten Gesangs der Ilias streiten Zeus und Hera vor versammelter Runde; Hephaistos, der hinkende Schmied, beruhigt die Mutter, schenkt allen ein, und „unauslöschliches Gelächter” erhebt sich unter den Göttern, als sie ihn durch den Saal humpeln sehen (Ilias 1,571–611). Die Götter der Griechen lachen, streiten, betrügen und tragen nach. Der Unterschied zu den Menschen liegt nicht im Charakter, sondern darin, dass für sie nichts Folgen hat.

Wie die Welt unter ihnen aufgeteilt ist, erklärt Poseidon selbst, als Zeus ihm befehlen will: Drei Brüder, drei Lose — Zeus der Himmel, er das Meer, Hades das Dunkel; Erde und Olymp gehören allen (Ilias 15,187–193). Das ist keine Hierarchie, sondern ein Vertrag, und Poseidon besteht darauf.

Die Menschen — fünf Geschlechter, ein Feuer, eine Frau

Prometheus, gefesselt — Marmor von Nicolas-Sébastien Adam, 1762, Louvre
Prometheus, gefesselt — Marmor von Nicolas-Sébastien Adam, 1762, LouvreMarie-Lan Nguyen · Public domain · Wikimedia Commons

Woher die Menschen kommen, sagt Hesiod nicht. Er sagt, wie sie nacheinander kamen. In den Werken und Tagen zählt er fünf Geschlechter auf: ein goldenes unter Kronos, das ohne Mühe und Alter lebte und im Schlaf starb; ein silbernes, das hundert Jahre Kind blieb und dann kurz und unvernünftig lebte; ein ehernes, das sich selbst ausrottete; ein Geschlecht der Heroen, die vor Theben und Troja fielen; und das eiserne, das seine eigenen — „Hätte ich doch nicht unter den fünften leben müssen!” (Werke und Tage 106–201).

Die Reihe ist keine Verfallsgeschichte in gerader Linie: Die Heroen an vierter Stelle sind besser als das eherne Geschlecht vor ihnen. Hesiod ordnet nicht nach Metallwert, sondern nach dem, was man erzählt.

Die andere Geschichte über die Menschen handelt von Prometheus, und sie erklärt zwei Dinge, die jeder Grieche vor Augen hatte: warum beim Opfer die Götter die Knochen bekommen und die Menschen das Fleisch, und warum es Frauen gibt. In Mekone teilt Prometheus einen Stier: Fleisch und Innereien in der Haut versteckt, die Knochen unter glänzendem Fett. Zeus wählt — Hesiod sagt, er habe den Betrug durchschaut — das Fett, und seither verbrennen die Menschen den Göttern die Knochen (Theogonie 535–557).

Zur Strafe hält Zeus das Feuer zurück; Prometheus stiehlt es in einem Fenchelstängel. Darauf lässt Zeus die erste Frau formen, „ein schönes Übel”, mit Schmuck von Athena und einem Kranz von Hephaistos (Theogonie 561–590). In den Werken und Tagen bekommt sie einen Namen, Pandora, und ein Gefäss: Sie öffnet es, die Plagen fliegen heraus, nur die Hoffnung bleibt unter dem Rand (Werke und Tage 42–105).

Ob das Gefäss ein Fass war oder eine Büchse, sagt der Text nicht — es ist ein Pithos, ein Vorratskrug. Die „Büchse der Pandora” ist eine Übersetzung des 16. Jahrhunderts. Und ob die Hoffnung, die drinbleibt, ein Trost ist oder das letzte Übel, das den Menschen erspart blieb, hat der Text offen gelassen, und die Leser streiten seit zweieinhalbtausend Jahren darüber.

Das Totenreich — Schatten, die trinken müssen, um zu sprechen

Hades und Persephone — attische Trinkschale, British Museum
Hades und Persephone — attische Trinkschale, British MuseumTemplate:Peintre Codrus · CC BY 2.5 · Wikimedia Commons

Das griechische Totenreich ist zuerst ein Ort ohne Trost. Odysseus fährt an den Rand der Welt, gräbt eine Grube, giesst Milch, Honig, Wein und Wasser hinein und schlachtet Schafe; erst wenn die Schatten vom Blut getrunken haben, können sie sprechen (Odyssee 11,23–50). Sie sind da, aber sie sind kaum etwas. Als er die Mutter umarmen will, greift er dreimal durch sie hindurch.

Der berühmteste Satz über diesen Ort steht in derselben Szene. Odysseus spricht Achilleus an, der unter den Toten herrsche, und Achilleus antwortet: „Lieber wollte ich als Tagelöhner einem armen Mann dienen, der kein Land hat, als über alle Toten König sein” (Odyssee 11,488–491). Das ist das Urteil der Odyssee über den Tod, und es ist vernichtend.

Die Ilias zeigt, was ein Schatten will: Der tote Patroklos erscheint dem Achilleus im Schlaf und bittet um Bestattung — die Schatten der Toten liessen ihn nicht über den Fluss, solange er unbegraben sei, und einmal verbrannt, werde er nie wiederkommen (Ilias 23,65–107). Der Fluss hat hier noch keinen Fährmann. Charon, der den Obolus verlangt, taucht erst bei Aristophanes auf, in einer Komödie des Jahres 405 v. Chr., und wird dort ausgelacht (Frösche 180–270).

Strafen gibt es, aber nur für wenige. Odysseus sieht Tityos, dem Geier die Leber fressen; Tantalos, der im Wasser steht und verdurstet; und Sisyphos, der den Stein hinaufstemmt, „doch wenn er ihn über die Kuppe wälzen wollte, riss ihn die Gewalt zurück” (Odyssee 11,576–600). Alle drei haben Götter beleidigt. Für gewöhnliche Menschen gibt es kein Gericht — nur den Schatten.

Und es gibt Ausnahmen nach oben. Menelaos erfährt, er werde nicht sterben, sondern ins Elysische Gefilde gebracht, wo es weder Schnee noch Regen gibt (Odyssee 4,561–569) — weil er Helenas Mann ist, ein Schwiegersohn des Zeus. Hesiod kennt für die Heroen die Inseln der Seligen am Okeanos, wo die Erde dreimal im Jahr trägt (Werke und Tage 167–173). Beides sind Sonderfälle. Die Vorstellung eines Jenseits, das man sich verdienen kann, kommt in Griechenland später — mit den Mysterien von Eleusis und mit den Philosophen — und steht nicht bei Homer.

Der Kult — Opfer, Feste, Orakel

Der Apollontempel in Delphi
Der Apollontempel in DelphiThe original uploader was Ifernyen at French Wikipedia. · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons

Ein griechisches Opfer sieht man am genauesten in der Ilias, als Odysseus Chryseis zu ihrem Vater zurückbringt und Apollon versöhnt werden muss. Die Männer stellen die Rinder um den Altar, waschen die Hände, nehmen die Gerstenkörner; der Priester betet; dann werden die Tiere geschlachtet, die Schenkelknochen herausgeschnitten, in Fett gewickelt, mit rohen Fleischstücken belegt und auf Holz verbrannt, dazu Wein. Erst danach wird der Rest gebraten und gegessen, „und niemand fehlte es am gleichen Mahl”. Den ganzen Tag singen die jungen Männer den Paian (Ilias 1,447–474).

Das ist die Regel, die Hesiod mit der Geschichte von Mekone erklärt: Die Götter bekommen den Rauch und die Knochen, die Menschen das Fleisch. Ein Opfer ist zuerst ein Essen, und der Gott ist eingeladen.

Feste waren Wettkämpfe. Pausanias, der im 2. Jahrhundert n. Chr. ganz Griechenland abging und aufschrieb, was man ihm erzählte, berichtet über die Anfänge von Olympia gleich mehrere Fassungen — dass Herakles die Spiele gestiftet habe, dass Zeus dort mit Kronos gerungen habe, dass Pelops sie erneuert habe — und er lässt sie nebeneinander stehen (Pausanias 5,7–8). Das ist die richtige Art, mit solchen Erzählungen umzugehen, und diese Seite hat sie von ihm.

Orakel waren Orte, nicht Personen. Das älteste war Dodona in Epirus, wo Zeus aus einer Eiche sprach; die Ilias nennt seine Priester, die Selloi, die „mit ungewaschenen Füssen auf der Erde schlafen” (Ilias 16,233–235). Das berühmteste war Delphi. Der Homerische Hymnus an Apollon erzählt, wie der Gott den Ort suchte, dort die Drachin erschlug — deren Verwesung dem Ort den Namen Pytho gab — und sein Heiligtum gründete (Hymnus 3, 281–374). Wer etwas wissen wollte, ging hin, opferte, fragte und bekam einen Satz, der auslegungsbedürftig war. Dass er auslegungsbedürftig war, war Teil des Verfahrens.

Die Gestalten

15 Gestalten haben eine geschriebene Seite. Sie entstehen einzeln — recherchiert, geschrieben, Stelle für Stelle belegt.

Im Register, ohne eigene Seite

Wikidata führt für Griechenland 329 Gestalten. 313 davon stehen hier mit Namen und Verweis auf ihren Eintrag — gezählt, nicht versteckt, und ohne eigene Seite, weil noch niemand sie geschrieben hat. 1 weitere tragen weder einen deutschen noch einen englischen Namen und stehen nur als Kennung im Bestand. Wo ein deutscher Name fehlt, steht der englische, mit (en) markiert. Die Zahl ist kein Bedeutungsmass: sie misst, was eingetragen ist.

Quellen

Jeder Abschnitt oben trägt seine eigenen Quellen mit Stelle; hier stehen sie zusammen. Das Register stammt aus Wikidata (CC0).