
Poseidon hat die Welt nicht erobert, sondern gelost. Als Zeus ihm in der Ilias befehlen lässt, den Kampf zu verlassen, antwortet er zornig: Drei Brüder seien sie, drei Lose habe man gezogen, ihm sei das graue Meer zugefallen, Hades das Dunkel, Zeus der Himmel — Erde und Olymp gehörten allen, und er werde nicht nach dem Willen des Zeus leben (15,187–193). Er fügt sich dann doch, aber der Satz bleibt: Poseidon ist kein Untergebener, sondern ein Bruder mit eigenem Reich.
Der Erderschütterer
Sein stehendes Beiwort bei Homer ist enosíchthōn, der die Erde erschüttert. Ein Gott des Meeres, der Erdbeben macht — für ein Land, dessen Küsten von beiden heimgesucht werden, ist das kein Widerspruch. Herodot berichtet, die Thessaler sagten, Poseidon habe die Schlucht von Tempe gemacht, durch die der Peneios zum Meer abfliesst, und fügt hinzu, wer Erdbeben für Poseidons Werk halte, könne beim Anblick der Schlucht gut sagen, es sei eines gewesen (Historien 7,129). Homer zeigt ihn, wie er vom Berg herabsteigt — „es zitterten die hohen Berge und der Wald unter den unsterblichen Füssen” —, den Wagen anschirrt und über die Wellen fährt, „und die Achse wurde nicht nass”, während die Meerestiere unter ihm hervorkommen, weil sie ihren Herrn erkennen (Ilias 13,17–31).
Der Groll
Die Odyssee ist die Geschichte seines Zorns. Zeus erklärt ihn gleich zu Beginn: Odysseus hat den Kyklopen Polyphem geblendet, Poseidons Sohn, und seither „lässt ihn der Erderschütterer nicht sterben, aber er treibt ihn fern von der Heimat umher” (Odyssee 1,68–79). Der Kyklop hat es so erbeten — mit ausgestreckten Händen zum Sternenhimmel: Odysseus solle nicht heimkommen, oder wenn es ihm bestimmt sei, dann spät, elend, ohne Gefährten, auf fremdem Schiff, und zu Hause Unheil finden (9,526–536). Alles davon trifft ein. Ein Gebet an Poseidon wird erhört, wenn es von einem Sohn kommt.
Wie er zuschlägt, zeigt der fünfte Gesang: Odysseus ist auf seinem Floss schon in Sicht der Phäakeninsel, als Poseidon von den Äthiopiern zurückkehrt, ihn sieht, den Dreizack nimmt, die Wolken zusammenzieht und alle Winde zugleich losschickt (5,282–381). Und als die Phäaken Odysseus trotzdem nach Hause bringen, verwandelt Poseidon ihr Schiff auf der Rückfahrt in Sicht des Hafens in Stein — Zeus hat es ihm erlaubt, um ihn zu besänftigen (13,125–164). Der Zorn des Meergottes trifft nicht nur den Schuldigen, sondern jeden, der ihm hilft.
Mauern
Poseidon baut. Mit Apollon zusammen hat er dem König Laomedon die Mauer von Troja errichtet — und ist um den Lohn betrogen worden, weshalb er in der Ilias gegen Troja steht (21,441–457). Der Gott, der die Erde erschüttert, ist auch der, der auf ihr am festesten baut; die Griechen haben ihm das Isthmische Heiligtum bei Korinth geweiht, wo Pausanias die Statuen und die Spiele beschreibt, die dort alle zwei Jahre zu seinen Ehren stattfanden (2,1). Zwischen zwei Meeren, auf einer Landenge, die jedes Erdbeben spürt: Es gibt keinen passenderen Ort.