
Artemis ist die Göttin, die niemandem gehört. Der Hymnus an sie zeigt, was sie tut: Sie „jagt auf den schattigen Bergen und windigen Höhen, spannt den goldenen Bogen und schiesst die klagenden Pfeile; die Gipfel der hohen Berge zittern, der Wald hallt vom Geschrei der Tiere, die Erde bebt und das fischreiche Meer” — und wenn sie genug hat, hängt sie den Bogen ab, geht zum Bruder nach Delphi und führt den Reigen der Musen und Chariten an (Hymnus 27). Erst die Jagd, dann der Tanz. Zwischen beiden ist kein Platz für einen Mann.
Die Schwester
Sie ist die Zwillingsschwester des Apollon, von Leto auf Ortygia geboren, wo er auf Delos geboren wurde (Hymnus 3, 14–18); später sagte man, sie sei die Ältere und habe der Mutter bei seiner Geburt geholfen — so wurde die Jägerin zur Geburtsgöttin, die die Frauen im Kindbett anrufen. Und sie ist die, die Frauen tötet: Wenn eine Frau bei Homer plötzlich stirbt, „traf sie Artemis mit ihren sanften Pfeilen” (Ilias 6,428) — der schnelle, schmerzlose Tod, den man sich wünschte, im Gegensatz zu dem, den Apollon mit der Pest schickt.
Ihr Zorn ist der einer Kränkung. Niobe rühmte sich, mehr Kinder zu haben als Leto, zwölf gegen zwei; Apollon tötete die Söhne, Artemis die Töchter, und Niobe wurde zu Stein und weint noch (Ilias 24,602–609). Wer der Mutter zu nahe tritt, bekommt beide Kinder zu spüren.
Die Ohrfeige
Die Ilias gönnt ihr eine Szene, die ihre Stellung unter den Göttern beschreibt. Als die Götter gegeneinander kämpfen, tritt Artemis dem Bruder entgegen, der Poseidon aus dem Weg geht, und nennt ihn feige. Hera hört es, packt sie an beiden Handgelenken, nimmt ihr mit der anderen Hand Bogen und Köcher ab und schlägt sie lächelnd damit um die Ohren; Artemis flieht weinend zu Zeus, „wie eine Taube vor dem Habicht”, und Leto sammelt die verstreuten Pfeile auf (Ilias 21,470–513). Die Herrin der Wildnis ist im Olymp ein Mädchen, das man züchtigen darf. Homer hat sie so gesehen, und die Griechen haben sie trotzdem — oder deshalb — in jeder Landschaft verehrt.
Nausikaa
Das schönste Bild von ihr ist ein Vergleich. Als Odysseus die Königstochter Nausikaa mit ihren Mägden am Strand spielen sieht, sagt Homer, so gehe Artemis über den Taygetos oder den Erymanthos, „sich freuend an Ebern und schnellen Hirschen, und mit ihr spielen die Nymphen, und Leto freut sich im Herzen — über alle ragt sie mit Haupt und Stirn, und leicht ist sie unter allen zu erkennen” (Odyssee 6,102–109). Das ist die Göttin, wie die Griechen sie liebten: unter Mädchen, im Freien, unverheiratet, und einen Kopf grösser.
In Ephesos stand ihr Tempel, eines der sieben Weltwunder, und die dortige Artemis mit den vielen Brüsten ist eine andere als die Jägerin Homers — eine asiatische Muttergöttin, die den griechischen Namen bekam. Die Römer nannten sie Diana; die Diana-Seite dieser Fläche zeigt, was daraus wurde.