
Hera ist älter als ihre Rolle. Bevor sie in den Gedichten die eifersüchtige Frau des Zeus wurde, war sie die Göttin, der die grössten Tempel Griechenlands gehörten: Herodot nennt das Heraion von Samos den grössten Tempel, den er kenne (Historien 3,60), und Pausanias beschreibt das Heiligtum von Argos mit seinem Kultbild aus Gold und Elfenbein, in dem Hera auf dem Thron sitzt, den Granatapfel in der einen Hand, das Zepter mit dem Kuckuck in der anderen (Pausanias 2,17). Argos, Samos, Olympia — wo man am ältesten gebaut hat, hat man ihr gebaut.
Die Schwester, die Frau
Hesiod zählt sie unter den Kindern des Kronos und der Rhea, verschlungen wie die Geschwister und wieder herausgegeben (Theogonie 453–458). Und er macht sie zur letzten Frau des Zeus — nach Metis, Themis, Eurynome, Demeter, Mnemosyne und Leto —, zur Mutter von Hebe, Ares und Eileithyia (Theogonie 921–929). Die Ordnung ist bezeichnend: Hera ist nicht die erste Liebe, sondern die Ehe. Alles, was in der Dichtung über sie erzählt wird, folgt aus dieser Stellung: Sie ist die Rechtmässige, und die anderen sind es nicht.
Der Streit
Die Ilias beginnt mit ihr. Als Zeus der Thetis heimlich zugenickt hat, weiss Hera es schon und stellt ihn vor allen Göttern zur Rede — „immer bist du gern abseits von mir und entscheidest im Geheimen” —, und Zeus droht ihr mit Händen, gegen die kein Gott im Olymp ihr helfen könne (Ilias 1,536–570). Was danach kommt, ist Hephaistos’ Schlichtung und das Gelächter der Götter; die Drohung aber bleibt stehen. Heras Zorn ist der einzige, den Zeus fürchten muss, weil er der einzige ist, der nicht aufhört.
Wie weit er geht, sagt eine Stelle im vierten Gesang. Zeus bietet an, Troja zu verschonen, und fragt spöttisch, was die Trojaner ihr getan hätten. Hera antwortet, sie gebe ihm dafür ihre drei liebsten Städte — Argos, Sparta, Mykene — zur Zerstörung frei, wann immer er wolle (Ilias 4,50–54). Sie opfert ihre eigenen Verehrer, um die Stadt des Paris fallen zu sehen. Das ist keine Eifersucht mehr, sondern Politik.
Die Täuschung
Der vierzehnte Gesang ist ihr Meisterstück. Zeus hat den Göttern verboten, einzugreifen; die Griechen verlieren. Hera schmückt sich mit allem, was sie hat, leiht sich von Aphrodite unter einem Vorwand den bestickten Gürtel, „in dem alle Zauber sind”, besticht den Schlaf mit dem Versprechen einer Charis als Frau, und geht zu Zeus auf den Ida. Er sieht sie, und die Begierde umhüllt ihn „wie damals, als sie sich zum ersten Mal vereinten, ohne dass die Eltern es wussten” — er zählt ihr, um sein Verlangen zu beteuern, seine anderen Frauen auf, eine nach der anderen. Dann schläft er, und Poseidon greift ein (Ilias 14,153–351). Es ist die einzige Stelle der Ilias, an der Zeus getäuscht wird, und es tut die, die ihn am besten kennt.
Kuhäugig
Homers stehendes Beiwort für sie ist boôpis, kuhäugig — ein Wort, das in der klassischen Zeit als Kompliment für grosse, ruhige Augen galt und das vielleicht älter ist als das Kompliment. Auf dem Heraion von Argos, sagt Pausanias, opferte man ihr die Kuh, und die Priesterin fuhr im Kuhgespann zum Fest (2,17). Was die Göttin vor den Gedichten war, lässt sich aus solchen Resten nur erraten; die Gedichte haben daraus eine Frau gemacht, und die Frau hat die Göttin überdauert.