
Hesiod braucht drei Verse: Zeus „kam zum Bett der allnährenden Demeter, und sie gebar die weissarmige Persephone, die Aidoneus ihrer Mutter raubte; der weise Zeus aber gab sie ihm” (Theogonie 912–914). Der letzte Halbsatz ist der Skandal der Geschichte. Der Raub ist kein Verbrechen gegen den Willen der Götter; er ist ihr Beschluss. Der Hymnus an Demeter erzählt, was das für die Mutter bedeutet — und was es die Erde kostet.
Die Blume
Das Mädchen pflückt mit den Töchtern des Okeanos Blumen auf einer Wiese: Rosen, Krokus, Veilchen, Iris, Hyazinthen — und die Narzisse, „die die Erde nach dem Willen des Zeus wachsen liess, dem Herrn der Vielen zu Gefallen, als Falle für das blühende Mädchen” (Hymnus 2,8–9). Aus ihrer Wurzel wachsen hundert Blüten, und ihr Duft bringt Himmel, Erde und Meer zum Lachen. Als Persephone mit beiden Händen danach greift, öffnet sich die Ebene von Nysa, und „der Herr mit den vielen Namen” springt mit seinen unsterblichen Pferden heraus und trägt sie „widerstrebend auf seinem goldenen Wagen davon, klagend” (2,16–20). Sie schreit nach dem Vater. Niemand hört sie ausser Hekate in ihrer Höhle und Helios — und Zeus, „der abseits sass, fern von den Göttern, in seinem Tempel, und die süssen Opfer der Menschen entgegennahm” (2,27–29).
Der Kern
Demeter lässt aus Trauer nichts mehr wachsen, und Zeus muss nachgeben; Hermes wird hinabgeschickt, das Mädchen zu holen. Hades gibt sie frei, und im selben Atemzug bindet er sie: Er sei kein unwürdiger Gatte, sagt er, der Bruder des Zeus, und sie werde hier „über alles herrschen, was lebt und sich bewegt” (2,364–365). „Als er das gesagt hatte, war die kluge Persephone voller Freude und sprang eilig auf vor Glück. Er aber gab ihr heimlich süssen Granatapfelkern zu essen, für sich selbst sorgend, damit sie nicht für immer bei der ernsten, dunkel gewandeten Demeter bliebe” (2,370–374). Wer in der Unterwelt gegessen hat, gehört ihr. Ein Kern genügt.
Das Drittel
So bleibt der Beschluss des Zeus, den Rhea der Demeter überbringt: „Er hat zugestimmt, dass deine Tochter für den dritten Teil des kreisenden Jahres hinabgeht zu Dunkel und Finsternis, für die zwei Teile aber bei dir und den anderen unsterblichen Göttern ist” (2,463–465). Demeter gehorcht und steigt hinab in die Rharische Ebene, die brach lag, „denn das weisse Korn war verborgen nach dem Plan der schöngegürteten Demeter” — und die bald „mit langen Ähren wogen” wird (2,450–455). Der Hymnus sagt nicht, welches Drittel des Jahres gemeint ist. Er sagt, dass die Erde nicht trägt, solange die Tochter unten ist.
Persephone hat keinen eigenen Mythos; sie ist die Person, an der sich der Mythos der Mutter und der Mythos der Unterwelt treffen. Als Kore, das Mädchen, ist sie die Geraubte; als Königin neben Hades ist sie die, „die man nicht betrügt” — der Hymnus droht denen, „die dich betrügen und deine Macht nicht mit Opfern besänftigen”, ewige Strafe an (2,367–369). Wie die Griechen sich das Reich vorstellten, in dem sie ein Drittel des Jahres regiert, steht unter Totenreich.