
Hades hat keinen Tempel. Unter allen grossen Göttern Griechenlands ist er der einzige, dem man nicht opferte, nicht sang und dessen Namen man mied — man sagte „der Unsichtbare”, was der Name wörtlich heisst, oder „Pluton”, der Reiche, weil aus der Erde das Getreide und das Erz kommen, oder einfach „der Andere”. Agamemnon nennt ihn in der Ilias, um zu sagen, wie unversöhnlich Achilleus sei: „Hades ist unerbittlich und unbeugsam, und deshalb ist er den Sterblichen der verhassteste aller Götter” (9,158–159). Das ist alles, was Homer an Charakter über ihn sagt.
Das Los
Er ist der Bruder, dem das Dunkel zufiel. Als Kronos die Kinder verschlang, war er dabei (Theogonie 453–458); als die drei Brüder losten, bekam Zeus den Himmel, Poseidon das Meer und er „das neblige Dunkel” (Ilias 15,187–193). Hesiod beschreibt sein Haus: dort, wo der Tag und die Nacht sich begrüssen, mit dem Hund davor, der die Kommenden schwanzwedelnd einlässt und die Gehenden frisst (767–774). Kerberos hat bei Hesiod fünfzig Köpfe; die drei sind später.
Ein einziges Mal wird Hades verwundet. Herakles trifft ihn mit dem Pfeil „in Pylos unter den Toten”, und der Gott muss auf den Olymp, um sich heilen zu lassen — Homer erzählt es nebenbei, als Beispiel dafür, dass auch Götter leiden, wenn Menschen sie treffen (5,395–402). Der Herr der Toten kann verletzt werden; sterben kann er nicht.
Der Raub
Die eine Geschichte, die von ihm erzählt wird, erzählt der Hymnus an Demeter — und sie ist eigentlich Demeters Geschichte. Persephone pflückt mit den Töchtern des Okeanos Blumen auf einer Wiese, greift nach der Narzisse, die Gaia als Köder hat wachsen lassen, „und die Erde tat sich auf, und heraus sprang der Herr, der viele empfängt, mit den unsterblichen Pferden, der Sohn des Kronos mit den vielen Namen”, und trug sie schreiend auf seinem goldenen Wagen davon (Hymnus 2, 1–89). Zeus hatte es erlaubt. Niemand ausser Hekate und Helios hatte es gesehen.
Als Demeter die Erde unfruchtbar macht und Zeus nachgeben muss, tut Hades das einzig Listige, das man von ihm kennt: Er gibt Persephone frei — und gibt ihr heimlich einen Granatapfelkern zu essen, damit sie zurückkommen muss (334–385). Ein Drittel des Jahres unten, zwei Drittel oben: Das ist der Vertrag, und der Winter ist seine Hälfte (398–403). Der Hymnus nennt ihn dabei mit einem Wort, das sonst kein Gott bekommt — polydégmōn, der viele empfängt. Alle kommen zu ihm. Er muss um niemanden werben.
Pluton
Die Römer nannten ihn Pluto und Dis Pater, den reichen Vater; und in Ägypten, unter den Ptolemäern, wurde er mit Osiris und dem Apis-Stier zu Serapis zusammengedacht — dem Gott, den das Bild oben zeigt, mit dem Getreidemass auf dem Kopf und dem Hund zu Füssen. Der Unsichtbare hat am Ende doch Tempel bekommen, unter fremden Namen. Unten stehen die, die Wikidata kennt.