
In fast allen Welten ist der Himmel männlich und die Erde weiblich. Ägypten hat es umgekehrt: Nut, der Himmel, ist eine Frau, und Geb, die Erde, ein Mann, der unter ihr liegt. Auf den Bildern beugt sie sich über ihn, mit den Händen im Westen und den Füssen im Osten, ihr Leib mit Sternen bedeckt, und Schu, die Luft, ihr Vater, hält sie mit erhobenen Armen hoch. Der Raum, in dem die Menschen leben, ist der zwischen dem Leib einer Göttin und dem ihres Bruders, den man auseinandergedrückt hat.
Die Neunheit
Sie ist die Enkelin des Atum: Aus ihm kamen Schu und Tefnut, aus denen Geb und Nut (Pyramidentexte, Spruch 600). Und sie ist die Mutter der vier, um die sich die grosse Geschichte dreht — Osiris, Isis, Seth, Nephthys. Plutarch erzählt, wie sie zu ihnen kam: Helios, so nennt er Re, habe ihr verwehrt, in irgendeinem Monat des Jahres zu gebären, und Hermes habe der Mondgöttin beim Brettspiel fünf Tage abgewonnen, die zu keinem Monat gehörten — an diesen fünf Tagen gebar Nut die fünf Kinder (Über Isis und Osiris, 12). Das ägyptische Jahr hatte 360 Tage und fünf dazu, und die fünf sind die Geburtstage der Götter, die den Menschen am nächsten stehen.
Die Sonne gebären
Nut verschluckt die Sonne am Abend und gebiert sie am Morgen. Auf den Decken der Königsgräber und in den „Büchern vom Himmel” ist sie in ganzer Länge gemalt, mit der Sonnenscheibe, die in ihren Mund geht und zwischen ihren Beinen wieder hervorkommt; die Stunden der Nacht sind die Stationen der Reise durch ihren Leib. Das ist dieselbe Nacht, die das Amduat als Fahrt durch die Unterwelt beschreibt — und die Ägypter haben beides nebeneinander gemalt, manchmal in derselben Kammer. Die Sonne fährt durch die Unterwelt, und die Sonne fährt durch die Himmelsgöttin, und keine der beiden Aussagen macht die andere falsch.
Auf dem Sarg
Was Nut für die Toten war, sagen die Pyramidentexte in Sprüchen, die man in jedes Grab mitnahm: Die Mutter Nut möge sich über ihren Sohn breiten, ihn verbergen vor dem Bösen, ihn unter die unvergänglichen Sterne setzen (Sprüche 427–435). Deshalb ist sie auf der Innenseite der Sargdeckel gemalt, mit ausgebreiteten Armen, über dem Toten: Wer im Sarg liegt, liegt unter dem Himmel, und der Himmel ist eine Mutter, die ihn nachts durch sich hindurch trägt und morgens neu gebiert — wie die Sonne. Nut ist der Grund, warum ein ägyptischer Sarg keine Kiste ist, sondern ein Leib.