
Ischtar ist die Göttin mit zwei Gesichtern, und die Babylonier fanden das nicht widersprüchlich: Liebe und Krieg, der Abendstern und der Morgenstern, dieselbe Venus, die abends nach Westen sinkt und morgens im Osten wieder da ist. Auf dem Siegel oben trägt sie Waffen auf dem Rücken und setzt den Fuss auf einen Löwen. In den Liedern ist sie „die Herrin”, die man um ein Kind bittet und um den Sieg.
Der Antrag
Im Gilgamesch-Epos sieht sie den König, als er nach dem Sieg über den Wächter des Zedernwaldes gewaschen und gekrönt vor ihr steht, und bietet sich ihm an: Er solle ihr Gemahl sein, sie werde ihm einen Wagen aus Gold und Lapislazuli geben, Könige und Fürsten sollten ihm huldigen. Gilgamesch antwortet mit einer Liste ihrer früheren Geliebten — dem Hirten, dem Vogel, dem Löwen, dem Pferd — und wie es jedem ergangen ist: gebrochen, gefangen, geschlagen. Ischtar geht zornig zu ihrem Vater Anu und verlangt den Himmelsstier; als er zögert, droht sie, die Toten heraufzuführen, „dass sie die Lebenden essen” (Sechste Tafel, Ungnad 1921, S. 79–85). Der Stier kommt, tötet Hunderte, und Gilgamesch und Enkidu erschlagen ihn; Enkidu wirft der Göttin ein Stück davon ins Gesicht. Für diese Beleidigung stirbt er. Ischtar verliert die Werbung und gewinnt den Tod des Freundes — so geht es aus, wenn man ihr nein sagt.
Die Fahrt
Ihre eigene Geschichte ist die Fahrt ins „Land ohne Wiederkehr”. Sie richtet ihren Sinn „nach der Behausung, die niemand verlässt, der sie betrat”, und droht dem Pförtner mit derselben Drohung: die Tür zerschlagen, die Toten heraufführen (Ungnad 1921, S. 142). Ihre Schwester Ereschkigal, die Königin der Toten, erbleicht „gleich einer abgehauenen Tamariske” und lässt sie durch sieben Tore führen; an jedem nimmt der Pförtner ihr ein Stück Schmuck oder Kleidung ab, bis sie nackt vor der Schwester steht. Ereschkigal lässt sechzig Krankheiten auf sie los, und Ischtar ist tot.
Und die Erde merkt es: „Der Stier bespringt nicht die Kuh, der Esel deckt nicht die Eselin, der Mann beschläft nicht das Mädchen auf der Gasse” — die Liebe hört auf, und die Götter müssen handeln. Ea schafft einen Boten, der Ereschkigal überlistet, und Ischtar wird mit dem Wasser des Lebens besprengt und durch die sieben Tore zurückgeführt, an jedem bekommt sie ein Stück zurück (S. 143–149). Warum sie hinabstieg, sagt der Text nicht. Die sumerische Fassung, die Ungnad nur in Bruchstücken kannte, sagt es: Sie wollte auch die Unterwelt.
Die Herrin
Sie war die Göttin von Uruk, wo Gilgamesch König war, und der Vase von Uruk, auf der Menschen ihr Gaben bringen, ist fünftausend Jahre alt. Die Assyrer machten sie zur Kriegsgöttin von Ninive und Arbela, die den Königen den Sieg verhiess; die Klagelieder an sie, die Ungnad übersetzt, bitten um Erbarmen (S. 217). Und sie hat die weiteste Nachkommenschaft: Astarte in Kanaan, Aphrodite auf Zypern — die Göttin, die aus dem Osten kam. Wikidata führt sie unter zwei Namen; unten stehen beide, und was Wikidata mit ihr gleichsetzt.