
Mercurius heisst nach der Ware. Merx ist das Handelsgut, mercari handeln, mercator der Kaufmann — und der Gott ist der, der über das Geschäft wacht. Rom hatte keinen Boten der Götter, bevor es Hermes kannte; es hatte einen Gott, zu dem die Händler beteten, und der bekam später die Flügelschuhe.
Das Gebet der Kaufleute
Ovid hat es aufgeschrieben, und es ist eines der ehrlichsten Gebete der antiken Literatur. Am fünfzehnten Mai, dem Tag seines Tempels, schöpft der Kaufmann Wasser aus der Quelle des Mercurius an der Porta Capena, besprengt seine Waren mit einem Lorbeerzweig und betet: „Wasche die Meineide der vergangenen Zeit ab, wasche die falschen Worte des vergangenen Tages. Ob ich dich zum Zeugen anrief oder Jupiters Gottheit vergeblich, damit er es nicht höre — führe die Winde davon. Gib mir Gewinn, und gib mir die Freude am Gewinn, und mach, dass es mir gefällt, den Käufer zu betrügen.” Und Mercurius, sagt Ovid, lacht dazu, „im Gedenken an die Rinder”, die er als Kind dem Apollon gestohlen hat (Fasti 5,663–692). Der Gott des Handels ist der Gott des Diebstahls; die Römer wussten es und haben es in das Gebet hineingeschrieben.
Der Tempel
Livius setzt die Weihe seines Tempels ins Jahr 495 v. Chr. und erzählt einen Streit darum: Die beiden Konsuln stritten, wer weihen dürfe, und der Senat überliess es dem Volk — das keinen von beiden nahm, sondern einen Zenturio, weil es über die Konsuln verärgert war. Mit dem Tempel bekam der Geweihte auch die Aufsicht über die Getreideversorgung und die Kaufmannsgilde (Livius 2,21; 2,27). Ein Gott, dessen Tempel von einem Unteroffizier geweiht wird, aus Trotz gegen die Vornehmen: Mercurius war die Göttin der Plebs, wie Ceres neben ihm.
Der Bote
Die Flügel bekam er von Hermes, und Vergil hat sie ihm angezogen. Im vierten Buch der Aeneis schickt Jupiter ihn nach Karthago, wo Aeneas bei Dido die Bestimmung vergisst: Mercurius bindet die goldenen Flügelschuhe an, nimmt den Stab, „mit dem er die bleichen Seelen aus dem Orkus ruft und andere hinabschickt in den Tartarus”, landet auf dem Atlas und findet Aeneas beim Bauen der fremden Stadt, in purpurnem Mantel — „du legst die Fundamente des hohen Karthago und baust, der Frau zuliebe, eine schöne Stadt, und vergisst dein eigenes Reich?” (Aeneis 4,238–278). Der Kaufmannsgott ist hier der, der die Ordnung wieder in Gang setzt. Aeneas geht, Dido stirbt, Rom entsteht.
Der Planet, der der Sonne am nächsten ist, und der Mittwoch — mercredi, miércoles — tragen seinen Namen; unten steht, was Wikidata davon führt. Und Hermes steht unten als Gegenstück, mit allem, was diese Fläche über ihn noch nicht erzählt.