
Die Römer hatten einen eigenen Gott des Weins und der Freiheit, Liber, mit einem Fest im März. Bacchus ist ein anderer: der griechische Dionysos, wie er im dritten und zweiten Jahrhundert v. Chr. über Süditalien nach Rom kam — mit nächtlichen Weihen, Trommeln und Frauen, die mit Fackeln zum Fluss liefen. Die Geschichte, die Rom über ihn erzählt, ist keine Göttergeschichte. Es ist der Bericht darüber, wie der Staat ihn verbot.
Der Bericht des Livius
Im Jahr 186 v. Chr., schreibt Livius, wurden beide Konsuln „vom Heer und der Verwaltung der Kriege und Provinzen abgezogen zur Unterdrückung einer Verschwörung im Innern” (39,8). Ihr Anfang: „Ein namenloser Grieche kam zuerst nach Etrurien, ohne eine jener vielen Künste, die das griechische Volk, das höchste an Bildung, uns in Menge zur Pflege von Geist und Körper gebracht hat, sondern ein Opferpfuscher und Wahrsager” — „ein Priester geheimer Riten, die bei Nacht begangen wurden”. Zuerst wenige Eingeweihte, dann Männer und Frauen; „zum Religiösen kamen die Freuden des Weins und der Gelage hinzu, damit die Gemüter einer grösseren Zahl angezogen würden” (39,8).
Die Kronzeugin ist eine Freigelassene, Hispala, die dem Konsul erzählt, was sie als Sklavin gesehen hat: „Zuerst sei es ein Ritus für Frauen gewesen, und es sei Brauch gewesen, keinen Mann zuzulassen. An drei Tagen im Jahr habe man bei Tag in die bacchischen Riten eingeweiht; die Matronen habe man der Reihe nach zu Priesterinnen gewählt.” Dann habe eine Kampanerin, Paculla Annia, „alles verändert, wie auf Rat der Götter: Sie habe als Erste Männer eingeweiht, ihre Söhne; sie habe die Riten bei Nacht statt bei Tag gehalten und statt dreier Tage im Jahr fünf Tage der Einweihung in jedem Monat eingerichtet” (39,13). Seither, sagt sie, sei kein Verbrechen unversucht geblieben; Matronen liefen „in der Kleidung von Bacchantinnen, mit aufgelöstem Haar und brennenden Fackeln zum Tiber hinab”, tauchten die Fackeln ins Wasser und zögen sie brennend wieder heraus (39,13). Ihre Zahl sei sehr gross, „fast ein zweiter Staat”.
Der Senat beschliesst: keine Bacchanalien mehr in Rom und Italien. „Wenn jemand einen solchen Kult für überliefert oder notwendig hielt und glaubte, ihn nicht ohne Sünde unterlassen zu können, so sollte er vor dem Stadtprätor Erklärung abgeben, und dieser sollte den Senat befragen. Wurde ihm die Erlaubnis erteilt, bei einer Sitzung mit nicht weniger als hundert Anwesenden, so durfte er das Opfer vollziehen, vorausgesetzt, dass nicht mehr als fünf Personen am Ritus teilnahmen” (39,18). Der Gott wurde nicht abgeschafft. Er wurde auf fünf Personen und einen Antrag beschränkt — die römischste Lösung, die es gibt.
Pentheus
Dass die Angst vor diesem Gott älter ist als Rom, wusste Ovid, der zwei Jahrhunderte später die griechische Geschichte vom König erzählte, der ihn nicht anerkennen wollte. Der blinde Seher Tiresias warnt Pentheus von Theben: Ein Tag werde kommen, „an dem neu hierher komme, Semeles Spross, Liber”, und wenn du ihn nicht mit Tempeln ehrst, „wirst du in tausend Stücke zerrissen” (Metamorphosen 3,517–522). Pentheus lacht ihn aus. Seine Rede an die Thebaner ist die Rede jedes Konsuls: Ob denn „Erz, gegen Erz geschlagen, die Flöte mit gebogenem Horn und magischer Betrug” so viel vermöchten, dass Männer, die kein Schwert und keine Trompete erschreckt habe, „von Frauenstimmen, von weingetriebenem Wahnsinn, von obszönen Scharen und leeren Handpauken besiegt” würden? (3,531–537). Was auf diese Rede folgt, weiss der Leser Ovids und wusste der Leser des Livius: Der König, der den Gott verbietet, wird von seiner eigenen Mutter zerrissen.
Der Gott selbst — seine Geburt aus dem Schenkel des Zeus, sein Zug nach Indien, die Seeräuber, die er in Delphine verwandelt — steht bei Dionysos. Rom hat davon nichts hinzugefügt. Es hat nur gezeigt, was ein Staat tut, wenn der Gott kommt.