
Die Römer haben Mars mit Ares gleichgesetzt und ihm damit unrecht getan. Ares ist in der Ilias der Gott, den alle anderen Götter verachten, weil er das Blut liebt. Mars ist der Vater der Stadt.
Der Vater
Livius erzählt es mit dem Vorbehalt, der ihn auszeichnet: Die Vestalin Rhea Silvia, vergewaltigt, gebar Zwillinge und „nannte Mars als Vater der zweifelhaften Nachkommenschaft, sei es, weil sie es glaubte, sei es, weil ein Gott als Urheber der Schuld ehrenvoller war” (Livius 1,4). Ovid erzählt es ohne Vorbehalt und zu Beginn des dritten Buches, das dem Monat des Gottes gehört: Silvia schläft am Ufer ein, Mars sieht sie, „und was er begehrte, nahm er”; sie träumt von zwei Palmen, die aus ihrer Wollbinde wachsen, und ihr Onkel versucht, sie zu fällen (Fasti 3,1–166). Romulus und Remus sind die Palmen. Der Monat, in dem das Jahr der Römer einst begann, heisst nach dem Gott, mit dem die Stadt begann.
Das ist der Unterschied zu Griechenland: Kein griechischer Staat hat sich von Ares hergeleitet. Rom hat es getan, und deshalb steht Mars in der Trias der ältesten Priester — Jupiter, Mars, Quirinus — neben dem Himmelsgott und dem vergöttlichten Romulus (Livius 1,20).
Das Ancile
Numa, sagt Livius, setzte die zwölf Salier ein, die „springenden Priester” des Mars Gradivus, mit bunten Röcken und Bronzepanzern, die die heiligen Schilde durch die Stadt tragen und dazu tanzen und singen (1,20). Ovid erzählt den Grund: Zu Numas Zeit fiel ein Schild vom Himmel, und eine Stimme verkündete, solange er in Rom bleibe, bleibe die Herrschaft. Numa liess elf gleiche schmieden, damit niemand den echten stehlen könne (Fasti 3,259–392). Im März, dem Monat des Mars, zogen die Salier mit den zwölf Schilden durch die Stadt; der Kriegsgott wurde nicht mit Schlachten gefeiert, sondern mit einem Tanz, dessen Worte man in der Kaiserzeit nicht mehr verstand.
Der Rächer
Ein Mars kam spät dazu, und er ist der, den man am ehesten in Rom noch sehen kann: Mars Ultor, der Rächer. Augustus gelobte ihm einen Tempel, als er bei Philippi die Mörder Caesars schlug, und weihte ihn 2 v. Chr. auf seinem neuen Forum. Ovid beschreibt die Einweihung: Der Gott blickt vom Giebel auf das Forum und sieht die Waffen, die Augustus den Parthern abgenommen hat — die Feldzeichen, die Crassus verloren hatte, nun zurückgeholt (Fasti 5,545–598). Mars rächt hier nicht mehr für die Stadt, sondern für eine Familie, und das ist der Übergang von der Republik zum Kaisertum in einem Beinamen.
Das Marsfeld
Das Feld vor den Mauern, auf dem die Bürger sich musterten, wählten und übten, hiess nach ihm; dort stand sein alter Altar, und dort begann der Feldzug. Mars war nicht im Haus wie Vesta und nicht auf dem Kapitol wie Jupiter, sondern draussen, wo die Stadt aufhört. Wer ihn verehrte, tat es mit dem Speer in der Hand.