
Minerva ist die eine der drei kapitolinischen Gottheiten, die nicht Athene ist — obwohl Rom sie später so erzählt hat. Ihr Name ist nicht griechisch, sondern gehört zu einer Wurzel, aus der auch mens kommt, der Verstand; die Etrusker kannten sie als Menrva, und von ihnen hat Rom sie wohl übernommen, bevor jemand an Athen dachte. Auf dem Kapitol bekam sie die dritte Zelle neben Jupiter und Juno, in dem Tempel, den die Tarquinier begannen (Livius 1,55).
Wem sie gehört
Ovid beantwortet die Frage, wessen Göttin sie sei, mit einer Liste. Am neunzehnten März, an den Quinquatrus, ihrem Fest, sollen sie feiern: die Wollspinnerinnen und Weberinnen, die Walker, die Färber, die Schuster — „ihr Handwerker alle” —, die Ärzte, die ihr opfern, die Bildhauer, die Maler, die Steinschneider, und die Lehrer, „vernachlässigte Schar”, die an diesem Tag das Schulgeld einfordern (Fasti 3,809–848). Und die Kinder, sagt Ovid, sollen ihr an diesem Tag opfern, damit sie klug werden. Minerva ist die Göttin dessen, was man lernen kann — nicht der Weisheit, die einem zufällt, sondern des Handwerks, das einem beigebracht wird.
Dass sie zugleich Kriegsgöttin war, hatte in Rom weniger Gewicht als in Athen. Die Quinquatrus wurden mit Gladiatorenkämpfen gefeiert, „weil die Göttin am Krieg Freude hat”, vermutet Ovid — aber der Kern des Festes sind die Werkstätten, die an diesem Tag schliessen.
Der Nagel
Die merkwürdigste Nachricht über sie steht bei Livius. Im Jahr 363 v. Chr., während einer Pest, erinnerten sich die Alten, dass eine Seuche einst dadurch geendet habe, dass der Diktator einen Nagel einschlug — und dass ein altes Gesetz vorschreibe, „der oberste Beamte solle an den Iden des September einen Nagel einschlagen”, und zwar an der rechten Seite des Jupitertempels, dort, wo Minervas Zelle ist, „weil die Zahl von Minerva erfunden wurde” (Livius 7,3). Ein Nagel pro Jahr, in die Wand der Göttin des Rechnens: So hat Rom die Jahre gezählt, bevor es sie schrieb. Der Diktator, den man dafür ernannte, hatte kein anderes Amt als diesen einen Hammerschlag.
Das Palladium
Rom besass ein Bild der Minerva, das älter sein sollte als die Stadt: das Palladium, ein kleines Holzbild der bewaffneten Göttin, das vom Himmel gefallen und in Troja verwahrt worden sei. Vergil lässt den Lügner Sinon erzählen, Diomedes und Odysseus hätten es aus dem Tempel geraubt und damit den Zorn der Göttin auf die Griechen gezogen — deshalb das hölzerne Pferd, als Sühnegabe (Aeneis 2,162–194). Aeneas, so die römische Fassung, brachte das echte Palladium nach Italien, und die Vestalinnen hüteten es im Tempel der Vesta als eines der Unterpfänder, an denen das Bestehen der Stadt hing. Wenn Rom stand, dann weil Minerva in der Stadt war — nicht als Statue auf dem Kapitol, sondern als das kleine Bild, das niemand sehen durfte.