3 Fassungen: Griechenland · Ägypten · Rom. Keine ist das Original.
Wie die Welt angefangen hat, erzählt jede Überlieferung — und keine erzählt
es so, wie man es erwartet, wenn man nur eine kennt. Bei Hesiod wird die
Welt, ohne dass jemand sie macht. In Heliopolis steht ein Gott allein auf einem
Hügel im Wasser und bringt die nächsten aus sich hervor. In Memphis spricht
ein Gott die Welt, und in Rom hat ein Dichter aus griechischer Philosophie
einen Anfang gebaut, den es vorher in Rom nicht gab.
Drei Dinge, auf die man beim Lesen achten kann: ob es einen Schöpfer gibt
oder nur ein Werden; woraus die Welt entsteht — Leere, Wasser, Stoff;
und ob der Anfang einmalig ist oder sich wiederholt, jeden Morgen und
jedes Jahr.
Die Reihenfolge unten ist Redaktion, nicht Alter und nicht Rang. Und wo hier
etwas fehlt — Mesopotamien, Indien, die Genesis —, fehlt es, weil es noch
nicht geschrieben ist, nicht weil es nicht dazugehörte.
Kein Schöpfer. Hesiods erster Satz über den Anfang hat ein Verb und kein
Subjekt, das handelt: „Zuerst entstand das Chaos, dann aber die breitbrüstige
Gaia” — die gähnende Leere, dann die Erde, dann der Tartaros in ihrer Tiefe
und Eros (Theogonie 116–122). Nichts wird gemacht. Alles wird geboren, und
deshalb steht Eros so früh: Er ist die Kraft, die das Weitere möglich macht.
Woraus: aus Leere, dann aus der Erde selbst. Gaia bringt Uranos aus sich
hervor, „damit er sie ganz bedecke”, dazu die Berge und das Meer; erst mit
Uranos zusammen zeugt sie die Titanen (Theogonie 126–138). Die Welt ist bei
Hesiod eine Familie, und die Kosmologie ist eine Genealogie.
Einmalig. Was geworden ist, bleibt; niemand wiederholt den Anfang. Und
Homer weiss es anders: Bei ihm ist Okeanos, der Strom um die Erde, „der
Ursprung aller” — der Götter (Ilias 14,201) und, in einem zweiten Vers, von
allem überhaupt (Ilias 14,246). Ein Fluss statt einer Leere. Beide Fassungen
sind alt; keine hat sich durchgesetzt.
Ein Schöpfer, allein. Am Anfang ist Nun, das Urwasser, und aus ihm steigt
ein Hügel. Auf dem Hügel steht Atum — in Heliopolis, der Stadt des
Sonnengottes — und bringt Schu und Tefnut aus sich hervor; die Pyramidentexte
sagen es körperlich, und sie lassen ihn die Arme um die beiden legen, damit
sie leben (Spruch 600). Aus Luft und Feuchte kommen Erde und Himmel, Geb und
Nut, und aus ihnen Osiris, Isis, Seth und Nephthys: die Neunheit.
Woraus: aus Wasser, und aus dem Gott selbst. Es gibt keine Leere; es gibt
etwas, das schon da ist und aus dem etwas auftaucht. Wer beim Nil aufwuchs,
sah es jedes Jahr, wenn die Flut zurückging und das Land an den höchsten
Stellen als Erstes wieder erschien.
Und dieselbe Frage, anders beantwortet — in derselben Kultur. Memphis lässt
Ptah die Welt nicht zeugen, sondern denken und sprechen: Herz und Zunge,
und Atum mit seiner Neunheit sind nur die Zähne und Lippen in Ptahs Mund.
Der Text steht auf dem Schabaka-Stein, einer Abschrift aus der 25. Dynastie,
die sich als uralt ausgibt; Erman hat ihn übersetzt. Beide Fassungen galten
nebeneinander.
Nicht einmalig. Das Totenbuch lässt den Toten im 17. Spruch sagen, er sei
Atum gewesen, als er allein im Nun war — und Re bei seinem ersten Aufgang.
Die Schöpfung ist hier etwas, das sich jeden Morgen wiederholt, und an dem man
teilhaben kann.
Rom hat keinen. Das ist die erste Auskunft, und sie ist ehrlich: Es gibt
keine römische Erzählung vom Anfang der Welt, die älter wäre als die
griechische Literatur, aus der Rom sie übernahm. Roms eigene Gründungsgeschichten
handeln von der Stadt — Aeneas, Romulus —, nicht vom Kosmos.
Was es gibt, ist Ovid. Am Anfang der Metamorphosen, um die Zeitenwende
geschrieben, steht ein Anfang, der Hesiods Chaos kennt und ihn umdeutet: kein
Gähnen, sondern eine „rohe, ungeordnete Masse”, in der Kalt und Warm, Feucht
und Trocken, Weich und Hart gegeneinander liegen. Dann trennt „ein Gott — und
eine bessere Natur” (deus et melior natura) die Elemente, ordnet sie nach
Gewicht, rundet die Erde, verteilt Meere und Winde, und zuletzt entsteht der
Mensch — entweder aus göttlichem Samen oder aus der Erde, die noch etwas vom
Himmel in sich trug; Ovid lässt beides offen (Metamorphosen 1,5–88).
Ein Schöpfer, der keinen Namen hat. Ovids Gott ist nicht Jupiter. Er ist
„welcher der Götter es auch war”, eine Formel, die aus der Philosophie kommt
— aus der Stoa, die eine ordnende Vernunft im Stoff sah — und nicht aus dem
Kult. Woraus: aus Stoff, der schon da ist. Einmalig: ja, und der Mensch ist
der letzte Schritt, „damit die Welt nicht ohne ein Wesen sei, das nach oben
sieht”.
Das ist die römische Fassung: eine griechische Frage, mit griechischer
Philosophie beantwortet, in lateinischen Versen — und über anderthalb
Jahrtausende hinweg die Fassung, die Europa am besten kannte.
Quellen
Jede Fassung oben trägt ihre eigenen Quellen mit Stelle; hier stehen sie zusammen.
Ovid, Metamorphosen1,5–88Perseus Digital Library — lateinischer Text und Übersetzung More 1922abgerufen 05.09.2026
Römische Mythologie (Q122173)Wikidata (CC0)abgerufen 05.09.2026Der Anker der Welt. Rom hat keinen eigenen Schöpfungsmythos überliefert; was unten steht, ist Literatur der augusteischen Zeit.