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Die Flut

4 Fassungen: Mesopotamien · Griechenland · Rom · Ägypten. Keine ist das Original.

Die Flut ist die Geschichte, die am häufigsten als Beweis für etwas herangezogen wird — für ein reales Ereignis, für eine gemeinsame Quelle, für die Abhängigkeit der einen Überlieferung von der anderen. Diese Seite legt nur die Fassungen nebeneinander. Was sie beweisen, entscheidet die Leserin.

Drei Dinge zum Achten: warum die Götter die Menschen vernichten wollen — Lärm, Frevel, oder aus keinem genannten Grund; wer gewarnt wird und wodurch, denn die Warnung ist immer ein Verrat unter Göttern; und wie es endet — mit einem Opfer, das die Götter riechen, mit einem Versprechen, oder mit einem Rausch.

Ägypten hat keine Flut. Es hat eine Geschichte, in der die Menschen beinahe vernichtet werden und durch eine Überschwemmung gerettet — sie steht unten, weil sie die Frage beantwortet, die die anderen stellen, nur andersherum. Die Fassung der Genesis, die die meisten Leser als Erstes kennen, ist noch nicht geschrieben; sie fehlt, nicht weil sie nicht dazugehörte.

Mesopotamien

Warum: Der Text sagt es nicht. „Da trieb die grossen Götter ihr Sinn, einen Zyklon zu machen” — Anu, Enlil, Ninib, Ennugi haben Rat gehalten, und ein Grund wird auf der elften Tafel nicht genannt (XI 14–18). Die ältere babylonische Fassung, das Atrahasis-Epos, kennt einen: Die Menschen sind zu laut geworden. Gilgamesch hat den Grund nicht mehr nötig.

Die Warnung ist ein Verrat, und ein listiger: Ea, der Gott der Weisheit, hat mitberaten und darf es den Menschen nicht sagen. Also sagt er es einer Wand. „Rohrhütte, Rohrhütte, Wand, Wand! Rohrhütte höre, Wand vernimm! Mann aus Schuruppak, Sohn des Ubara-Tutu, reiss nieder das Haus, bau ein Schiff, lass fahren Reichtum, suche Leben” (XI 21–26). Utnapischtim, der hinter der Wand schläft, hat es gehört, ohne dass Ea es ihm gesagt hätte.

Die Flut dauert sechs Tage und Nächte, und das Bemerkenswerteste daran ist, was sie mit den Göttern macht: Sie fürchten sich, fliehen zum Himmel des Anu und „kauern sich nieder wie Hunde, an der Mauer gelagert”. Ischtar schreit wie eine Gebärende und bereut: „Wie konnte ich nur befehlen in der Versammlung der Götter Böses — ich allein gebäre meine Leute, wie Fischbrut erfüllen sie nun das Meer!” (XI 114–124). Götter, die vor ihrer eigenen Tat erschrecken — das hat keine andere Fassung.

Das Ende: Das Schiff bleibt am Berg Nisir hängen. Am siebten Tag lässt Utnapischtim eine Taube hinaus; sie kommt zurück. Eine Schwalbe; sie kommt zurück. Einen Raben; „der Rabe zog fort, sah das Versiegen des Wassers, frisst, wühlt, krächzt, kehrte nicht um” (XI 146–155). Dann das Opfer auf dem Gipfel, Rohr, Zedernholz, Myrte — „die Götter rochen den angenehmen Duft, die Götter sammelten sich wie Fliegen über dem Opfernden” (XI 156–162). Und die Göttin hebt ihren Halsschmuck und schwört, diese Tage nie zu vergessen (XI 163–166). Utnapischtim bekommt das ewige Leben; Gilgamesch, dem er das alles erzählt, bekommt es nicht. Das ist der Punkt der Geschichte im Epos: Es ist nur einmal geschehen, und es geschieht nicht wieder.

Griechenland

Homer und Hesiod kennen keine Flut. Das ist die erste Auskunft, und sie ist wichtig: Die ältesten griechischen Texte erzählen das Ende des ehernen Geschlechts durch seine eigenen Hände und den Übergang zum eisernen ohne Wasser (Werke und Tage 109–201). Die griechische Flut kommt erst bei den Späteren vor — bei Pindar im 5. Jahrhundert v. Chr. in wenigen Versen, bei Apollodor als knappe Zusammenfassung.

Warum: Zeus will das eherne Geschlecht vernichten — so Apollodor, ohne Einzelheiten (1,7,2). Der Frevel, den spätere Fassungen erzählen, steht bei ihm nicht.

Die Warnung: Prometheus rät seinem Sohn Deukalion, einen Kasten zu bauen, ihn mit Vorräten zu füllen und mit Pyrrha hineinzusteigen. Wieder ein Gott, der die Menschen gegen die Götter warnt — hier ist es der, der ihnen schon das Feuer gebracht hat.

Die Flut dauert neun Tage und Nächte; sie überschwemmt „das meiste von Griechenland”, die Menschen kommen um „bis auf wenige, die auf die nahen hohen Berge flohen”. Der Kasten landet auf dem Parnass. Deukalion opfert dem Zeus Phyxios, dem Gott der Flucht, und Zeus schickt Hermes, der ihm einen Wunsch gewährt. Deukalion wünscht sich Menschen.

Das Ende ist die eigentliche griechische Erfindung: Auf Geheiss des Zeus werfen die beiden Steine hinter sich, und aus Deukalions Steinen werden Männer, aus Pyrrhas Frauen — laoí, Menschen, von lâas, Stein, sagt Apollodor (1,7,2). Pindar erzählt dasselbe in Opus: Deukalion und Pyrrha stiegen vom Parnass herab und „schufen ohne Bett ein Geschlecht aus Steinen” (Olympie 9,42–53). Keine Reue der Götter, kein Regenbogen, kein Schwur. Nur ein Wortspiel, das erklärt, warum die Menschen so hart sind.

Rom

Roms Flut ist die griechische, ausgemalt. Ovid übernimmt Deukalion und Pyrrha und gibt ihnen, was Apollodor weglässt: einen Grund, eine Szenerie und eine Theologie.

Warum: Jupiter hat als Mensch verkleidet den König Lykaon in Arkadien besucht, und der hat ihm Menschenfleisch vorgesetzt, um zu prüfen, ob er ein Gott sei. Jupiter beruft den Götterrat — Ovid vergleicht ihn ausdrücklich mit dem römischen Senat und die Götterwohnungen mit dem Palatin — und beschliesst, das ganze Geschlecht zu vernichten, weil Lykaon nicht der Einzige sei (Metamorphosen 1,163–252). Der Grund ist also Frevel, und zwar der eine, der in allen Kulturen als der schlimmste gilt.

Die Warnung fällt aus. Niemand warnt Deukalion; er und Pyrrha überleben, weil sie die Gerechtesten sind und weil ihr Boot am Parnass hängen bleibt. Ovid braucht keinen Verräter, weil sein Jupiter selbst den Ausgang lenkt.

Die Flut ist bei Ovid ein Gemälde: Neptun schlägt mit dem Dreizack die Erde, die Flüsse brechen aus, Delphine schwimmen durch die Wälder, der Wolf schwimmt neben den Schafen, und die Vögel finden kein Land und fallen ins Meer (1,253–312). Es ist die Stelle, die Europa für die Flut hielt, bis es die babylonische lesen konnte.

Das Ende: Die beiden fragen das Orakel der Themis, und die Göttin sagt, sie sollen „die Gebeine der grossen Mutter” hinter sich werfen. Pyrrha weigert sich, die Mutter zu entweihen; Deukalion versteht: Die Mutter ist die Erde, ihre Gebeine sind die Steine. Aus den Steinen werden Menschen, „daher sind wir ein hartes Geschlecht, an Mühen gewöhnt, und geben den Beweis, woraus wir entstanden sind” (1,313–415). Ovid nimmt das griechische Wortspiel und macht daraus eine Auskunft über die Römer.

Ägypten: Ägypten — keine Flut, sondern eine Rettung durch Bier

Ägypten hat keine Flut. Für ein Land, das jedes Jahr vom Nil überschwemmt wurde und davon lebte, ist Wasser keine Strafe. Was es hat, ist eine Geschichte, in der die Menschen beinahe vernichtet werden — und gerettet, weil die Erde vier Handbreit hoch unter etwas steht, das aussieht wie Blut.

Warum: Re, „der Gott, der sich selbst geschaffen hat”, ist alt geworden; „seine Knochen waren aus Silber, sein Fleisch aus Gold, sein Haar aus echtem Lapislazuli”. Die Menschen, die aus seinem Auge entstanden sind, „dachten etwas Böses aus” gegen ihn (Erman, S. 77). Es ist der Frevel des Alters: Der König ist schwach geworden, und die Untertanen merken es.

Der Rat der Götter: Re ruft Nun, Schu, Tefnut, Geb und Nut zusammen, „die mit mir gewesen sind, als ich noch im Nun war” — der Rat der Ältesten, wie in Babylon. Und er sagt, was in Babylon niemand sagt: „Seht, ich überlege noch und habe sie nicht getötet, bevor ich nicht gehört habe, was ihr dazu sagt.” Nun rät, das Auge zu schicken. Re schickt es als Hathor, und Hathor „tötete Menschen in der Wüste” und kommt zurück: „Ich habe mich der Menschen bemächtigt, und das ist mir angenehm.” So entsteht Sachmet, die Mächtige (S. 78).

Die Rettung: Re lässt aus Elephantine roten Ocker holen, in siebentausend Krüge Bier mischen, „und es war wie Menschenblut”. In der Nacht lässt er das Bier über die Felder giessen — „da wurden die Äcker vier Handbreiten hoch voll Flüssigkeit”. Am Morgen kommt die Göttin, sieht ihr Spiegelbild darin, trinkt, wird trunken und erkennt die Menschen nicht mehr (S. 79).

Das Ende hat weder Opfer noch Schwur, sondern ein Fest: Seither trinkt man an Hathors Fest Bier bis zur Trunkenheit, und die Göttin, die töten wollte, ist die Göttin der Freude. Die Frage der anderen Fassungen — warum die Götter aufhören — beantwortet Ägypten mit einem Gott, der es sich nach dem ersten Tag anders überlegt, und einer Überschwemmung, die nicht tötet, sondern berauscht.

Quellen

Jede Fassung oben trägt ihre eigenen Quellen mit Stelle; hier stehen sie zusammen.