4 Fassungen: Mesopotamien · Ägypten · Griechenland · Rom. Keine ist das Original.
Woher die Götter kommen, erzählt jede Welt ausführlich. Woher die Menschen
kommen, erzählt sie nebenbei — als Nebenprodukt, als Strafe, als Arbeitskraft.
Das ist selbst eine Auskunft: In keiner der vier Welten ist der Mensch der
Zweck der Schöpfung.
Drei Dinge zum Achten: woraus — aus Blut, aus Tränen, aus Steinen, aus
Erde; wozu — ob ein Grund genannt wird, und welcher; und ob es mehrmals
geschah, denn die meisten Welten erzählen nicht eine Erschaffung, sondern
mehrere, und die heutigen Menschen sind selten die ersten.
Woraus: aus dem Blut eines Gottes. Nachdem Marduk die Welt aus Tiâmats
Leib gebaut hat, „trieb ihn sein Innerstes, Kluges zu schaffen”: „Blut will
ich sammeln, Gebein dazufügen, will hinstellen den Menschen; Mensch sei sein
Name” (Sechste Tafel, 5–6). Ea schlägt vor, wessen Blut: „Geopfert werden soll
einer: ihr Bruder. Er werde vernichtet zur Erschaffung der Menschen!” Es ist
Kingu, der Feldherr der Tiâmat, der Gott, der den Krieg angezettelt hat
(Sechste Tafel, 13–16). Der Mensch ist aus einem Schuldigen gemacht — Ungnad
kennt daneben Fassungen, in denen Lehm dazukommt, mit Blut geknetet (S. 55).
Wozu: Das sagt der Text so knapp wie keine andere Welt. „Zur Pflege der
Götter sei er verpflichtet” (Sechste Tafel, 8). Die Götter haben bis dahin
selbst gearbeitet — Kanäle gegraben, Felder bestellt —, und der Mensch wird
gemacht, damit sie es nicht mehr müssen. Die Opfer, die Tempel, die Priester:
alles Pflege. Das Atrahasis-Epos, das Ungnad nur in Bruchstücken kannte,
erzählt es noch deutlicher, mit einem Streik der kleinen Götter, der der Anlass
ist.
Einmal, und dann beinahe rückgängig: Die Flut soll die Menschen wieder
beseitigen, weil sie zu laut sind — die ältere Fassung sagt es — oder aus
keinem Grund, wie Gilgamesch es erzählt. Utnapischtim überlebt, und die Götter
lassen es dabei. Der Mensch bleibt, weil die Götter merken, dass sie ihn
brauchen: Als das Opfer nach der Flut duftet, „sammelten sie sich wie Fliegen
über dem Opfernden”.
Woraus: aus dem Auge des Sonnengottes — und, in einer Fassung, aus seinen
Tränen. Re sagt es selbst, als er die Götter um Rat fragt: „sehet die
Menschen, die aus meinem Auge entstanden sind, die haben etwas gegen mich
erdacht” (Erman, S. 78). Erman merkt dazu an: „Nach einer anderen Sage, die
auf einem Wortspiel beruhte, weinte das Sonnenauge, und aus diesen Tränen
entstanden die Menschen” — das Wortspiel ist remetj, Menschen, und remit,
Tränen. Die Ägypter haben ihre Herkunft in einem Gleichklang gefunden, und die
Auskunft ist bitter: Die Menschen sind das, was übrigblieb, als das Auge
weinte.
Wozu: Kein Zweck wird genannt. Die grosse Schöpfungserzählung von
Heliopolis, in der Atum Schu und Tefnut und die Neunheit aus sich hervorbringt,
kennt die Menschen gar nicht — sie handelt von Göttern (Pyramidentexte,
Spruch 600). Wo Menschen vorkommen, sind sie schon da. Ägypten hat keine
Erzählung, in der jemand entschied, dass es sie geben soll; in Memphis ist es
Ptah, der alles durch das Wort schafft, und in Elephantine Chnum, der die
Menschen auf der Töpferscheibe formt — Bilder, keine Geschichten.
Nicht einmal, sondern beinahe zu Ende: Die einzige Erzählung, die die
Menschen zum Gegenstand hat, ist die von ihrer Vernichtung. Sie haben etwas
gegen den alt gewordenen Re erdacht, er schickt sein Auge als Hathor, sie
tötet in der Wüste — und Re überlegt es sich anders und rettet den Rest mit
siebentausend Krügen rotem Bier (Erman, S. 77–79). Die Menschen, die aus dem
Auge kamen, werden von demselben Auge fast getilgt und von einem Rausch
gerettet. Woher sie kommen, ist in Ägypten weniger wichtig als die Frage, ob
der Gott sie behalten will.
Woraus: Hesiod sagt es nicht. Die ältesten griechischen Texte kennen keine
Erschaffung des Menschen — die Theogonie erzählt die Herkunft der Götter,
und die Menschen sind da, als Prometheus in Mekone das Opfer teilt. Was
Hesiod erzählt, ist die Herkunft der Frau: Zeus lässt sie aus Erde formen,
Athena schmückt sie, und sie ist „ein schönes Übel”, von dem das ganze
Geschlecht der Frauen abstammt (Theogonie 570–612). Die Männer waren vorher da,
aus nichts Bestimmtem.
Dass Prometheus die Menschen aus Wasser und Erde geformt habe, sagt erst
Apollodor, ein halbes Jahrtausend später, in einem Satz (Bibliothek 1,7,1) —
und aus diesem Satz ist das Bild geworden, das Europa kennt: der Titan als
Töpfer. Bei Hesiod ist er nur der, der stiehlt und betrügt.
Wozu: Auch das sagt niemand. Die Griechen haben die Frage, wozu es
Menschen gibt, nicht als Herkunftsfrage gestellt, sondern als Frage nach dem
Verhältnis zu den Göttern — und die Antwort in Mekone lautet: damit die Götter
den Rauch bekommen und die Menschen das Fleisch.
Mehrmals. Das ist die griechische Eigenheit: Hesiod zählt in den Werken
und Tagen fünf Geschlechter, die nacheinander gemacht wurden — das goldene
unter Kronos, das silberne, das eherne, die Heroen, das eiserne, in dem der
Dichter selbst lebt und es bedauert (106–201). Jedes wurde von den Göttern
gemacht und ging zugrunde; die heutigen Menschen sind das fünfte. Und nach der
Flut kommt ein sechstes: die aus Steinen, die Deukalion und Pyrrha hinter sich
warfen (Apollodor 1,7,2). Woraus die Menschen sind, hängt in Griechenland
davon ab, welche man meint.
Woraus: Ovid lässt es offen, und zwar absichtlich. Nachdem der Gott die
Elemente geordnet hat, fehlte „noch ein Wesen, erhabener als diese, das
hohe Gedanken fassen kann und über die anderen herrschen soll. Der Mensch
entstand — sei es, dass ihn jener Werkmeister der Dinge aus göttlichem Samen
schuf, sei es, dass die junge Erde, eben erst vom hohen Äther getrennt, noch
Samen des verwandten Himmels in sich hielt, und der Sohn des Iapetus sie mit
Regenwasser mischte und nach dem Bild der alles lenkenden Götter formte”
(Metamorphosen 1,76–83). Göttlicher Same oder Erde mit Himmel darin, von
Prometheus geknetet: Ovid nennt beide Möglichkeiten und entscheidet nicht.
Wozu: Das ist die einzige Welt, die einen Zweck nennt, und er ist ein
Blickwinkel. „Während die übrigen Lebewesen gebückt zur Erde schauen, gab er
dem Menschen ein aufrechtes Gesicht und hiess ihn den Himmel sehen und das
Antlitz zu den Sternen heben” (1,84–86). Der Mensch ist da, damit jemand nach
oben schaut. Das ist Philosophie in Versen, und Ovid weiss es.
Mehrmals: Ovid übernimmt Hesiods Geschlechter und macht vier daraus —
Gold, Silber, Erz, Eisen —, und das goldene ist bei ihm das berühmte: ohne
Gesetze, ohne Richter, ohne Krieg, der Frühling ewig, Milch und Nektar in den
Flüssen (1,89–150). Dann die Flut, und die Steine, aus denen Deukalion und
Pyrrha das jetzige Geschlecht machen, „daher sind wir ein hartes Geschlecht”
(1,313–415). Rom hat Griechenlands Antwort übernommen und ihr einen Satz
hinzugefügt, den Griechenland nicht hatte: den über das aufrechte Gesicht.
Quellen
Jede Fassung oben trägt ihre eigenen Quellen mit Stelle; hier stehen sie zusammen.
Adolf Erman, Die Literatur der Aegypter (1923)S. 78: Die Errettung der Menschen — „die Menschen, die aus meinem Auge entstanden sind"; Anmerkung 1 ebenda: die Sage von den Tränenarchive.org (gemeinfrei)abgerufen 05.09.2026
Hesiod, Werke und TageVerse 106–201 (die fünf Geschlechter)Perseus Digital Library — Übersetzung Evelyn-White 1914abgerufen 05.09.2026
Hesiod, TheogonieVerse 570–612 (die erste Frau)Perseus Digital Libraryabgerufen 05.09.2026
Apollodor, Bibliothek1,7,1 (Prometheus formt die Menschen aus Wasser und Erde); 1,7,2 (die Steine)Perseus Digital Library — Übersetzung Frazer 1921abgerufen 05.09.2026
Ovid, Metamorphosen1,76–88 (der Mensch als letztes Werk); 1,89–150 (die vier Zeitalter); 1,313–415 (die Steine)Perseus Digital Library — lateinischer Text und Übersetzung More 1922abgerufen 05.09.2026