
Vulcanus hat in Rom einen alten Kult und keinen alten Mythos. Was die Römer über ihn erzählten, erzählten sie mit griechischen Geschichten — und die grösste davon hat Vergil geschrieben, als er im achten Buch der Aeneis den Schild des Achilleus aus der Ilias nahm und zum Schild des Aeneas machte. Der Unterschied ist der Unterschied zwischen beiden Völkern: Auf Homers Schild steht die Welt, auf Vergils Schild steht Rom.
Die Bitte
Venus kommt zu ihrem Mann „in ihrem goldenen Brautgemach” und bittet um Waffen für ihren Sohn Aeneas, der in Italien Krieg führen muss. Sie erinnert ihn daran, dass sie ihn während des Trojanischen Krieges nie um Hilfe gebeten habe, „obwohl ich den Kindern des Priamos viel schuldete”; jetzt aber komme sie „mit demütiger Bitte vor eine Gottheit, die ich verehre, und bitte um Waffen — eine Mutter für ihren Sohn”. Er sei doch auch „den Tränen der Tochter des Nereus” — Thetis, für Achilleus — „nicht unerbittlich gewesen” (Aeneis 8,370–384). Vergil weiss, dass sein Leser die Vorlage kennt, und lässt die Göttin sie selbst zitieren.
Vulcania
Die Werkstatt liegt nicht mehr auf dem Olymp, sondern unter der Erde Siziliens: eine Insel zwischen Lipari und dem Ätna, deren Höhlen, „von der Kunst der Kyklopen ausgehöhlt, so gross wie die donnernden Grotten des Ätna” sind. „Dort klingen die geschlagenen Ambosse, und das Dach hallt wider, dröhnend laut; chalybisches Erz zischt im Dunkel, und aus den Mündern der Öfen schnaufen die heissen Feuer. Das ist der Sitz des Vulcanus, und die ganze Insel ist Vulcania” (8,418–422). Der Gott steigt vom Himmel hinab; die Kyklopen legen alles beiseite, was sie in Arbeit haben — einen Blitz für Jupiter, einen Wagen für Mars, die Aigis der Minerva —, und schmieden in einer Nacht Helm, Schwert, Panzer, Speer und Schild.
Der Schild
Auf dem Schild „waren Italiens Geschichte und das siegreiche Rom zu sehen, gewirkt vom Herrn des Feuers, der der Weissagung nicht blind war und die kommenden Dinge vorauslas” (8,626–629). Was folgt, ist ein Bilderbogen von der Wölfin mit den Zwillingen über den Raub der Sabinerinnen, die Gallier auf dem Kapitol bis zur Schlacht bei Actium und Augustus im Triumph — Ereignisse, die für Aeneas noch tausend Jahre in der Zukunft liegen. Der Held nimmt den Schild auf die Schulter, ohne zu verstehen, was er trägt. Das ist Vergils Vulcanus: ein Gott, der nicht nur Metall formt, sondern Zeit. Homers Hephaistos hatte die Welt abgebildet, wie sie ist; der römische Schmied bildet ab, was aus ihr werden soll.
Die Griechen haben ihm den Sturz vom Olymp und das Netz für Aphrodite gegeben, die Römer den Auftrag. Beides steht bei Hephaistos.