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Der Sonnengott

4 Fassungen: Ägypten · Mesopotamien · Griechenland · Rom. Keine ist das Original.

Die Sonne ist die einzige Gottheit, die alle Welten dieser Fläche haben, und keine zwei meinen dasselbe. In Ägypten ist sie der Ursprung, aus dem alles hervorgeht, und die Fahrt, die jede Nacht gefährlich ist. In Mesopotamien ist sie der Richter, der alles sieht. In Griechenland ist sie ein Gott am Rand des Olymp, der zuschaut und petzt. In Rom ist sie ein Vater, dessen Sohn den Wagen nicht halten kann.

Drei Dinge zum Achten: ob die Sonne schafft oder nur scheint; ob sie richtet — ob ihr Sehen Folgen hat; und was nachts geschieht, denn daran entscheidet sich, ob eine Kultur den Sonnenaufgang für selbstverständlich hielt.

Die Reihenfolge ist Redaktion. Wo die Sonne für einen Ort heute aufgeht, sagt sonnemond, die Geschwister-Fläche, mit Zahlen.

Ägypten

Sie schafft. Re ist nicht der Gott der Sonne, er ist die Sonne, und aus ihm ist in Heliopolis alles hervorgegangen; „ich bin Atum, als ich allein war im Nun, ich bin Re bei seinem ersten Aufgang”, sagt der Tote im Totenbuch. Das Morgenlied, das man den Toten ins Grab gab, preist ihn als den, „der im Nun aufgeht und die beiden Länder erhellt, wenn er hervorkommt … wenn er aufgeht, leben die Menschen. Ihm jubelt die Menschheit zu; ihn verehren die Paviane; ‚Lob dir’, sagt alles Wild zusammen” (Erman, S. 184).

Sie richtet nicht — nicht Re. Das Gericht über die Toten hält Osiris, und die Feder, gegen die das Herz gewogen wird, gehört der Maat. Re sieht, aber er urteilt nicht; er ist, und das genügt.

Nachts fährt er durch die Unterwelt, zwölf Stunden, und in der siebten wartet Apophis. Der Sonnenaufgang ist ein Sieg, jede Nacht neu — die Gestalt- Seite erzählt es. Und Echnaton hat es einmal ohne Nacht versucht: Sein Lied auf die Sonnenscheibe kennt keine Barke und keine Schlange, nur das Licht, und was es bewirkt. „Gehst du unter im westlichen Horizonte, so liegt die Erde im Dunkel, als wäre sie tot … Wenn es tagt und du aufgehst im Horizont, so vertreibst du das Dunkel. Die beiden Länder sind fröhlich und erwachen und stehen auf ihren Füssen. Alles Vieh ist zufrieden mit seinem Kraute, die Bäume und Kräuter grünen. Die Vögel fliegen aus ihren Nestern und ihre Flügel preisen deinen Ka” (Erman, S. 358–359). Es ist das schönste Sonnenlied der alten Welt — und der Versuch, aus dem Gott der Fahrt einen Gott des reinen Scheinens zu machen, hat seinen König nicht überlebt.

Mesopotamien

Sie schafft nicht. Die Welt hat Marduk gebaut, aus dem Leib der Tiâmat; die Sonne ist ein Gestirn, das er an den Himmel gesetzt hat. Schamasch bringt nichts hervor.

Sie richtet. Das ist die babylonische Antwort, und sie ist die gegenteilige zur ägyptischen. Der Hymnus nennt ihn „Vernichter des Bösen droben und drunten”, der die Völker aller Lande überwacht, dem „die Geschöpfe des Königs und Fürsten Ea allzumal anvertraut” sind, „Hirt der unteren Welt, Hüter der oberen, Lenker und Licht der Welt” (Ungnad 1921, S. 185–186). Weil er alles sieht, ist er der Gott der Gerichte und der Eide; auf Hammurapis Gesetzesstele sitzt er oben und übergibt dem König Ring und Stab. Ein Gott, der zusieht und dessen Zusehen Folgen hat — das ist in Mesopotamien die Sonne.

Nachts geht er durch die Unterwelt, „das untere Reich des Fürsten Kubu und der Anunnaki überwachst du” — aber niemand stellt sich ihm in den Weg, und kein Text macht aus dem Sonnenaufgang einen Kampf. Die Babylonier hielten die Wiederkehr für sicher; was sie beunruhigte, war nicht, ob die Sonne aufgeht, sondern was sie sieht, wenn sie es tut.

Griechenland

Sie schafft nicht, und sie herrscht nicht. Helios ist bei den Griechen ein Titanensohn, kein Olympier; er fährt den Wagen über den Himmel und ist am Abend müde. Der kurze Hymnus an ihn preist den „strahlenden Helios, den Sohn der Euryphaessa”, der auf dem Wagen steht, „die Sterblichen und die unsterblichen Götter beleuchtend”, mit goldenem Helm und Pferden, die er abends zum Okeanos lenkt (Hymnus 31). Das ist alles: kein Anfang der Welt, kein Gericht.

Sie sieht — und sagt es weiter. Das ist die griechische Rolle der Sonne: Zeuge. Als Demeter neun Tage nach der Tochter sucht, ist es Helios, „der alles sieht”, der ihr sagt, Hades habe sie geraubt und Zeus habe es erlaubt (Hymnus 2, 62–89). Als Ares und Aphrodite sich im Bett des Hephaistos treffen, ist es Helios, der es dem Gatten meldet, und das Netz fällt (Odyssee 8,266–305). Er sieht alles, aber er richtet nicht; er berichtet, und andere handeln. Ein Sonnengott als Nachrichtendienst.

Einmal wird er selbst zur Partei: Als die Gefährten des Odysseus auf Thrinakia seine Rinder schlachten, droht Helios, in den Hades hinabzusteigen und dort zu leuchten, wenn Zeus sie nicht bestraft — und Zeus zerschmettert das Schiff (Odyssee 12,260–419). Die Drohung ist bezeichnend: Die Sonne kann streiken, und dann müssen die anderen Götter für sie strafen. Selbst hat sie keinen Blitz.

Nachts fährt Helios in einer goldenen Schale um die Erde zurück nach Osten — so erzählen es die Späteren; Homer sagt nur, dass er zum Okeanos hinabsteigt. Niemand kämpft, niemand fürchtet sich. Die Griechen haben aus der Sonne zuerst ein Auge gemacht, und erst die Philosophen dann einen Gott, als sie Apollon mit ihr gleichsetzten.

Rom

Rom hatte Sol, einen alten Gott mit einem kleinen Kult — und erzählt hat es von der Sonne erst mit griechischem Stoff, und zwar die eine Geschichte, die Griechenland fast nicht erzählt: Phaethon.

Ovid stellt den Palast des Sol an den Anfang des zweiten Buches der Metamorphosen, auf hohen Säulen, mit Türen, auf denen Vulcanus die ganze Welt getrieben hat, und den Gott auf dem Thron, umgeben von Tag, Monat, Jahr, Jahrhunderten und den Horen. Phaethon, sein Sohn von einer Sterblichen, kommt und will den Beweis, dass er wirklich der Sohn ist; Sol schwört beim Styx, ihm jeden Wunsch zu erfüllen, und der Junge wünscht sich den Wagen für einen Tag. Der Vater bittet, bettelt, beschreibt den Weg — steil am Morgen, schwindelnd in der Mitte, abschüssig am Abend, und die Tiere des Tierkreises, die nach dem Wagen schnappen —, und muss den Eid halten (Metamorphosen 2,1–149).

Die Pferde merken die leichte Hand, verlassen die Bahn, die Erde brennt: Die Berge brennen, die Flüsse verdampfen, Libyen wird Wüste, die Äthiopier werden schwarz, der Nil versteckt seine Quelle. Die Erde selbst bittet Jupiter um Hilfe, und Jupiter schleudert den Blitz — der Sohn der Sonne fällt brennend in den Eridanus, und seine Schwestern werden zu Pappeln, die Bernstein weinen (2,150–400).

Sie schafft nicht; sie kann kaum sich selbst halten. Roms Sonne ist ein Vater, der einen Eid geschworen hat, den er nicht hätte schwören dürfen, und ein Wagen, den nur einer lenken kann. Die Geschichte handelt davon, was geschieht, wenn die Ordnung des Himmels für einen Tag in die falschen Hände fällt — und dass es Jupiter braucht, sie wiederherzustellen. Der Sonnengott richtet nicht. Er wird gerichtet.

Drei Jahrhunderte nach Ovid machte ein Kaiser aus Sol den höchsten Gott des Reiches, Sol Invictus, die unbesiegte Sonne, mit dem Geburtstag am fünfundzwanzigsten Dezember. Das ist eine andere Geschichte, und sie steht hier noch nicht.

Quellen

Jede Fassung oben trägt ihre eigenen Quellen mit Stelle; hier stehen sie zusammen.